Hört man als unvoreingenommener Mensch zum ersten Mal, dass man das Studium selbst finanzieren müßte bzw. Studiengebühren anfallen werden, ist die natürliche Reaktion eine Ablehnung, da es offensichtlich unsozial wäre. Reiche können es sich leisten, während Ärmere von höherer Bildung ausgeschlossen wären.
Um diesem schlüssigen Argument zuvorzukommen, propagieren die Thinktanks der Bertelsmannstiftung seit einigen Jahren eine geschickte Verdrehung. Es heißt dann, es sei derzeit „unsozial, wenn eine nichtakademische Mehrheit das Studium einer akademischen Minderheit finanziert, die in ihrem Leben im Durchschnitt mehr verdient und länger lebt“.i Deshalb müßten Studiengebühren eingeführt werden. Die sozial Schwächeren könnten ja mit Stipendien aufgefangen werden bzw. über günstige Kredite ihr Studium finanzieren. Da drängt sich die Frage auf, wieso denn im jetzigen System nicht Reichere über eine gerechte Steuergesetzgebung entsprechend mehr beitragen könnten. Im privatisierten Modell leisten sich diese ja das Studium sowieso, während es gar nicht so viele Stipendien geben könnte, um die soziale Ungerechtigkeit abzufedern, wenn es in der angestrebten Summe finanzierbar werden soll. Die soziale Katastrophe einer massenhaften Kreditaufnahme kann im angelsächsischen Raum besichtigt werden, wo die nie zurückzahlbaren Kredite von den Universitäten an Banken verkauft werden und diese als lohnenswerte Finanzprodukte weiter gehandelt werden.
Es ist erschreckend, mit welcher Chuzpe dieses lang widerlegte Argument wiederholt wird, obwohl es viele fundierte Artikelii und sogar Memoranden dazu gabiii. Hierbei wird ständig darauf hingewiesen, dass das gegenwärtige Finanzierungsmodell der Hochschule gescheitert sei, aber vergessen zu erwähnen, dass es sich dabei um das vor über 20 Jahren eingeführte Misskonzept der „Unternehmerischen Hochschule“ handelt, welches jetzt gescheitert ist. Während früher die Hochschulen vollfinanziert wurden, ist man dazu übergegangen, normalen Hochschulbetrieb wie das Halten von Seminare und Vorlesungen nur realisieren zu können, wenn entsprechende „Drittmittel“ eingeworben werden, um nötige Assistenten und Dozenten zu bezahlen. Hierbei handelt es sich um einen Pseudowettbewerb um Steuergelder, die für Bildung ausgegeben werden. Hochschullehre und Forschung nur über konkurrierende Projekte finanzieren zu wollen, gaukelt einen nichtexistierenden Markt vor, an dem scheinbar Gewinn generiert wird, obwohl es sich in Wirklichkeit um hoheitlich verwaltete Steuereinnahmen handelt. So betrug 2023 der Anteil der Drittmitteleinnahmen mit 9,5 Mrd. Euro an den gesamten Einnahmen von 36,1 Mrd. Euro der Hochschulen bereits 25%. Die Grundfinanzierung des Bundes belief sich dagegen nur auf 0,13 Mrd. Euroiv.
„Würden alleine die Hälfte der jetzigen DFG-Gelder und Bundesmittel (also insgesamt 6 Mrd. Euro) durch die etwa 50.000 Professoren in Deutschland geteilt, könnte jede Professur eine zusätzliche Mitarbeiterstelle erhalten. Die Vielfalt der Forschung würde mit dieser flächendeckenden Grundförderung einen Innovationssprung machen. Der Wegfall des unsäglichen Antragswesens würde noch einmal die Hälfte der jetzigen Arbeitskraft für Forschung befreien. Wohlgemerkt, alles als Nullsummenspiel, keine zusätzlichen Mittel wären nötig, um diese innovative Revolution zu bewerkstelligen.“v Staatlicher Bevormundung der Themenwahl über Projektfinanzierung würde damit genauso ein Riegel vorgeschoben werden wie die Beeinflussung durch private Geldgeber.
Die Privatisierung der Hochschulbildung in den beiden letzten Ländern, in denen sie noch frei ist, nämlich Frankreich und Deutschland, wäre ein Billionengeschäft und die entsprechenden privaten Interessenten arbeiten seit mindestens 20 Jahren intensiv daran. Zunächst war es über die Gründung privater Universitäten missglückt. Zu dieser Zeit waren die staatlichen Hochschulen in Deutschland einfach noch zu gut aufgestellt, sowohl von dem Bildungsniveau her, als auch von der internationalen Sichtbarkeit der Forschung. Die Einführung der unternehmerischen Hochschule und die Konzentration der Gelder auf einige Exzellenzuniversitäten hat über die letzten Jahre den Standortvorteil des flächendeckend hohen Niveaus der Universitäten massiv erodiert. Zusätzlich kommt es bei über 40% von Schülern mit Abitur zu einer Fehlleitung. Die Abwertung handwerklicher Berufe geht einher mit inzwischen ca. 30% Studierunfähigen in den MINT Fächern.
Diese bewußt hervorgerufenen Krisen der Unterfinanzierung und Nivellierung des akademischen Niveaus haben das Argument von weniger Staat und mehr Privatisierung jetzt hoffähig gemacht. Die nötigen Reformen sollten somit nicht mehr Privatisierung beinhalten, sondern die Stärkung eines freien Zugangs zur Bildung. Bildung kostet genauso wie das Menschenrecht auf Kultur Geld, das keinen Profit am Markt generiert, sondern die einzige Investition in die Zukunft ist. Politik und Gesellschaft müssen sich entscheiden, wofür hunderte von Milliarden ausgegeben werden. Wie oben am Beispiel dargelegt, ist es zum Teil sogar möglich, durch sinnvollere Vergabe ohne nennenswerte Mehrausgaben mit einem Nullsummenspiel auszukommen.
ii Wolfgang Lieb: „Das Paradigma der Unternehmerischen Universität und der Wettbewerbssteuerung der Hochschule“, 2011, http://www.nachdenkseiten.de/?p=8139
v K. Morawetz: „Innere und äußere Korruption der Wissenschaft“ in Klaus Buchenau, Matthias Fechner (Hg.) “Die verlorene Wissenschaft – Versuch einer Katharsis nach Corona“, ISBN 978-3-8382-1922-6, Stuttgart: Ibidem Verlag, 2024.
Prof. Klaus Morawetz, theoretischer Physiker, studierte in Rostock Physik und forscht auf dem Gebiet der Quantenstatistik fernab vom Gleichgewicht.
