Das Versagen der Universitäten im Diskurs um Sprache – ein kurzer Abriss

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Erkenntnisse aus: Simon, C., Auer, S.: Politische Korrektheit, Wunschdenken und Wissenschaft. Das Versagen der Universitäten im Diskurs um Sprache. Westend, 2024.

OPEN ACCESS: https://westendverlag.de/DER-VERLAG/Politische-Korrektheit-Wunschdenken-und-Wissenschaft/

Wurden Sie jemals korrigiert, Sie sollten nicht diesen, sondern jenen Begriff verwenden, da dieser Begriff diskriminierend sei? Menschen mit besonderen Bedürfnissen anstatt Behinderte oder Flüchtende anstatt Flüchtlinge zu sagen? Haben Sie nachgehakt und so etwas als Antwort bekommen wie Sprache spiegelt die Welt“, „Sprache ist Macht“, „Sprache ist Handeln“, „Alles ist Text“, „Sprache konstruiert die Welt“ oder auch „Sprache ist Gewalt“? Haben Sie weiter gefragt, warum Sprache denn nun Macht oder Handeln sei und wurden Ihnen dann Namen, meist von französischen Philosophen, an den Kopf geworfen. Nach dem Motto „Educate yourself!” solle man doch bitte selbst bei Austin, Bourdieu, Derrida oder anderen nachlesen, bevor man ungebildet Stellung bezieht. Wir sind dieser Aufforderung nachgekommen und sind den in vielen Fußnoten genannten Quellen bis hin zu ihren linguistischen Ursprüngen gefolgt. Wir haben uns auf die Suche gemacht, willens, Beweise dafür aufzulisten, dass Politisch korrekte Sprache „funktioniert“. Das Ergebnis war ernüchternd:

Zwischen gesichertem linguistischem Wissen und dem, was an den Universitäten heutzutage u. a. in der Literaturwissenschaft und in den Gender Studies (deren große Theoretiker übrigens aus der Literaturwissenschaft kommen), über Sprache unterrichtet wird, gibt es eine große Diskrepanz. Um diese zu verstehen, empfiehlt es sich, die Genese der Politischen Korrektheit ins Auge zu fassen. Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich hier nun mit all den Namen um mich werfe, genau so, wie es die Vertreter dieser neuen Sprache tun: Der Sprachwissenschaftler Ferdinand De Saussure stellte fest, dass eine Form nicht an ihren Inhalt gebunden ist. Das Wort Baum beispielsweise sieht weder aus wie ein Baum, noch hört es sich an wie ein Baum. Diese historisch gewachsene Arbitrarität erklärt, warum wir so viele unterschiedliche Sprachen auf der Welt haben. Selbst Wörter, die Umwelterscheinungen nachahmen sollen, unterscheiden sich, wie zum Beispiel Kikeriki und Cockadoodledoo. Die Definition sprachlicher Zeichen ist hiernach, dass sie arbiträr, konventionell und assoziativ sind. Sprache nennt er nur insofern ein soziales Faktum, als es die Sprache ohne soziales Zusammenleben nicht gäbe, sie ist ein soziales Konstrukt (im wahrsten Sinne des Wortes) und daher ausnahmslos erlernt.

Wussten Sie, dass die Laute, die am häufigsten weltweit mit Müttern verknüpft sind, die Laute /m/ und /a/ sind? Roman Jakobson stellte dies schon früh in seinen vergleichenden Arbeiten fest. Der kindliche Mund probiert die Laute mit dem größten Kontrast im Mundraum aus. Doch erst, wenn jemand reagiert (in diesem Fall häufig die Mutter) entsteht eine Verknüpfung, eine Assoziation in der wir zugleich eine erste Konvention lernen, die aber dennoch arbiträr ist – hätten wir Kehlen wie Papageien oder keine Mütter wie Oktopoden, gäbe es diese Phänomen nicht oder es klänge anders. Einfach ausgedrückt: Das Wort Baum hört sich nicht an, wie sich ein Baum anhört, und sieht nicht aus, wie ein Baum aussieht (arbiträr). Aber wir verknüpfen den echten Baum mit der Lautfolge (assoziativ), weil wir es so gelernt haben (konventionell).

Der Literaturwissenschaftler Jacques Derrida befasste sich mit dieser Arbitrarität und stellte fest, dass Bedeutung auch in einer Gesellschaft niemals fixiert ist, vielmehr noch, dass Begriffe stets in Beziehung zueinander ihre Bedeutung erhielten. Später würde man den kleinen Satz, dass alles Text sei, nicht so verstehen wie er es gemeint hatte: Ein Zeichen kann niemals wirklich an die Realität anschließen, da es Referenz und nicht Abbild ist, daher könne man es nur mit noch mehr Zeichen und immer mehr Zeichen erklären – die Lücke kann niemals gefüllt werden. Wie erklärt man jemandem, was ein Baum ist, wenn man gerade keinen realen Baum zu Anschauungszwecken zur Verfügung hat, ohne ihn abzubilden? Man erklärt, mit mehr und mehr Worten. Dass Derrida die echte Welt für Text gehalten habe, ist eine bittere Unterstellung. Er wird sich Zeit seines Lebens grämen, wie Dekonstruktion an den Universitäten verstanden wurde: Sprachliche Zeichen verstehen wir dadurch, dass wir sie unterscheiden können, was er die différance nennt. Unterschiede bauen auf Gegensatzpaaren auf, die stets hierarchisch seien. In literarischen und historischen Texten können diese also genannt, ausgetauscht und ersetzt werden und ändern die Bedeutung. In der politisch korrekten Sprache hat dies Eingang in die Alltagskommunikation gefunden: Hierarchische Gegensätze wie weiß und schwarz und überhaupt alles, was in Gegensätzen kommen kann, müssen durch Ersetzung aufgelöst werden, obgleich es sich dabei zuallererst um eine literaturwissenschaftliche Analysetechnik handelt, deren Anwendungsberechtigung in der Alltagssprache fragwürdig ist.

Der Philosoph Michel Foucault verband die unfixierte Bedeutung mit Macht: Wer Macht habe, bestimme, was Begriffe bedeuten. Der Soziologe Pierre Bourdieu stellte fest, dass alles, was ein Mensch verstehen kann oder mit seinen Aussagen meint, davon abhängig sei, welche Position er im sozialen Feld einnimmt. An dieser Stelle kann man sich natürlich fragen, ob den universitären Vertretern der Sprachregelungen, die die Machtlosen ermächtigen sollen, klar ist, in welcher Position sie sich befinden.

Aus all diesen Theorien, zu denen es keine empirischen Arbeiten gibt, geht eine der großen Prämissen der Politischen Korrektheit hervor: Sprache ist Macht. Weil Sprache Macht ist, so die Theorie, und Sprache eben den Diskurs bildet, dürften die Machtlosen den Mächtigen nicht überlassen, zu bestimmen, was etwas bedeutet. Einstweilen grübelt der Linguist John Austin darüber, ab wann Sprache zu Handeln wird. Sätze können nicht nur wahr oder falsch sein, sondern können auch etwas in der Welt bewirken. Können. Nicht müssen. Ohne Kontext lässt sich bei Austin gar nichts beurteilen: Man braucht schließlich viele Teilakte, um einen Handlungsakt zu bekommen. Konstativ und performativ sind damit Pole einer Skala mit einem Kontinuum der Vermischung in der Mitte.

Dann tritt eine neue Generation an Theoretikern an die Materie heran und wird nicht müde die vorherigen Theorien zu interpretieren. Hier werden Skeptikern oft Namen wie Judith Butler oder Gilles Deleuze an den Kopf geworfen. Bei der Literaturwissenschaftlerin Butler wird nun diese Theorie der Macht durch Sprache damit verknüpft, dass Sprache stets Handeln sei und daher auch Gewalt sein müsse, während der Literaturwissenschaftler Roland Barthes deklariert, dass in Wahrheit nicht der Autor eines Textes bestimme, wovon er handle, sondern die Interpretation des Lesers und dieser habe nun einmal immer recht. Es handelt sich abermals um eine literaturwissenschaftliche Technik, die in den Alltag gezerrt wurde. Schon 1969 wurde er dafür von Foucault vor der Societé Francaise de Philosophie kritisiert.

Dass die Intention eines Sprechers bei Austin nicht zwingend deckungsgleich mit der erwarteten konventionellen Intention eines Sprechaktes ist, wie zum Beispiel bei einer unehrlichen Entschuldigung zum Zwecke der Deeskalation, bewegt Butler dazu zu behaupten, dass Austin selbst die Intention des Sprechers für irrelevant gehalten hätte, was – folgen wir ihren Verweisen – schlicht nicht wahr ist. Hier könnte man einwerfen, dass dann der Sprecher schließlich nicht schuld an der etwaigen Misere sein könnte, doch sie hebelt dies mit einem rhetorischen Kunstgriff aus: Der Sprecher übernehme die Verantwortung durch den „zitathaften Charakter der Sprache“.

Bei Bourdieu finden wir auch die Annahme, dass Sprache, da sie durch Konvention geprägt sei, auch Handeln sein müsse. Ebenso wie die Behauptung, dass es keine unschuldigen Worte gäbe, was für seine Nachfolger Tür und Tor öffnete, die sprachliche Struktur mit der gesellschaftlichen fälschlicherweise einfach gleichzusetzen und sämtliche Sprache als Handeln zu betrachten. Dabei übersehen diese allerdings, dass Bourdieu sich der Wandelbarkeit von Sprache durchaus bewusst war und eine klare Vorstellung davon hatte, dass jede Begrifflichkeit sich zum Guten wie zum Bösen drehen lässt – das ist, was es bedeutet, dass Begriffe abhängig von ihrer Verwendung sind. Er selbst kommt zum Schluss, dass, was gesagt und verstanden werden kann, von der Position im sozialen Feld abhängt. Ob ein Sprechakt Handeln ist, ist zum Beispiel unter anderem davon abhängig, ob man Richter mit dementsprechenden Befugnissen ist. Dies ist ein wertvoller Hinweis, den er auf Austins Schultern erarbeitet: Nicht jedermanns Sprache ist mächtig.

Zwar übernimmt Butler vieles von Bourdieu, doch seine Erkenntnis, dass die soziale Position des Sprechers von Relevanz ist, ignoriert sie einfach weg.

So gelangen wir zu der zweiten Prämisse der heutigen Politischen Korrektheit: Sprache ist Diskurs, Macht und Handeln und der Rezipient einer Botschaft hat stets recht bezüglich ihrer Bedeutung. Wenn sich also jemand durch ein Wort angegriffen fühlt – früher hätte man wohl gesagt beleidigt – weist er den Sprecher zurecht.

Bis heute sind die Fachgebiete Linguistik, Soziologie, Philosophie, Psychologie, Rhetorik und viele weitere, die mit dem Menschen zu tun haben, nicht präzise voneinander abgetrennt. Es ist jedoch unsere Pflicht hier anzumerken, dass weder Foucault noch andere, die ihm in unserem Buch folgen werden, Sprache an sich erforschten oder sich gar Linguisten nannten. Wir haben es hier nicht mit Wissen über Sprache, sondern mit Mutmaßungen über die Gesellschaft zu tun.

Auf den tatsächlich linguistischen Strukturalismus Ferdinand de Saussures, der dem Ethnologen Lévi-Strauss als erste „richtige Wissenschaft“ in den sozialen Wissenschaften galt und die Gesetzmäßigkeiten zeigte wie es sonst nur die Naturwissenschaften konnten, folgten zahlreiche Texte aus diesen Wissenschaften, welche die Nachfolge oder gar die Überwindung des Saussureschen Strukturalismus anstrebten. Ihre Autoren werden Poststrukturalisten genannt.

Der vermeintliche „Mega“-Turn, die linguistische Wende, der all die „Cultural Turns“ ausgelöst haben soll, hatte nicht mehr viel mit linguistischer Forschung zu tun. Anstatt eines Paradigmenwechsels hielt man fest an altem antilinguistischem Aberglauben. Unter anderem hatte dies mit der Herausgeberschaft von Saussures Cours de linguistique Genérale zu tun: Die Herausgeber hatten ihre eigenen Fantastereien über Sprache als organisches Gebilde, nomenklaturistisch oder deterministisch mit einfließen lassen. Derrida z. B. bewies eine feine Nase die vielen Widersprüche im linguistischen Cours Saussures herauszuarbeiten, die jedoch zumeist von den Herausgebern und nicht von Saussure selbst oder seinen Studenten stammten.

Ist Sprache also Gewalt? In der Literaturwissenschaft vielleicht. In der Gewaltforschung ist Gewalt das Überschreiten einer physischen Schwelle. In diesen Theorien wird keine Unterscheidung zwischen dem allgemeinen Sprachgebrauch in der Sprachgemeinschaft und zum Beispiel spezifischen Formen eines verbalen Missbrauches gemacht. Selbst jenen, die über genozidale Propagandasprache forschen, ist bewusst, dass Sprache alleine noch keinen Genozid verursacht, sondern die Auslegung dieser durch eine dominante Diskursmacht. Jonathan Haidt und Greg Lukianoff sind diesen Tendenzen der Gleichsetzung von Sprache und Gewalt an den Universitäten nachgegangen und stellen dabei fest, dass es gerade der Glaube daran sei, dass andere einem mit Sprache Böses antäten, der dann in der Folge zu einer Belastung führt. Diese müsste nicht kausal zwingend folgen, allerdings werden vermehrt Studenten dazu ermuntert, sich in die Suche nach Triggern, Mikroaggressionen und sprachlicher Gewalt hineinzusteigern, was für ihre psychische Gesundheit negative Folgen hat.

Die Theorien von Derrida, Foucault und Bourdieu fassen noch Fuß in logischen Schlüssen und rationalen Erklärungen. Bei den späteren Theoretikern wird es allerdings auch mit den rationalen Erklärungen dürftig: Judith Butler macht sich nicht die Mühe zu erklären, warum Sprache nun immer Handeln sei, und wie genau es funktioniere, dass sich Sprache “in den Körper einschreibt”. Gerade in ihrem Werk sind wir konfrontiert mit Vorschlägen, Behauptungen und Non-Sequiturs. Viele Absätze enden mit einer Frage. Man kann sie als Denkanstoß lesen, Erklärungen bieten sie nicht.

Soweit zu den theoretischen Unzulänglichkeiten. Sie werden sich nun vielleicht fragen, wie etwas in der Praxis funktionieren kann, was schon in der Theorie keinen kausalen Ansatz bietet. Nehmen wir also die empirischen Ansätze unter die Lupe, die uns zur Verfügung stehen: Vielleicht haben Sie von Guy Deutschers Buch Through the Looking Glass: Why the World Looks Different in Other Languages gehört? Was in diesem Buch präsentiert wird, ist Sprache aus der Sicht der Kognitionswissenschaft. In Ansätzen finden wir vieles, was uns hier unterbreitet wird bereits bei Benjamin Lee Whorf, der sich selbst als Linguist gesehen hat, der aber selbst kein großer Freund des empirischen Beweises war und viele Mythen in die Welt gesetzt hat. Dass die Inuit zum Beispiel hunderte Wörter für Schnee hätten. Haben sie nicht. Sie haben zwei bis vier. Davon gibt es unzählige Ableitungen, aber es sind am Ende doch nicht mehr. Die Behauptung, dass es, gibt es in einer Sprache ein Wort nicht, auch den Sachverhalt nicht gäbe, geht auf ihn zurück. Wussten Sie, dass die Italiener ein Wort haben für den Ring, den eine Kaffeetasse auf einer glatten Oberfläche hinterlässt? Er nennt sich culaccino. Im Deutschen fehlt uns dieses Wort, auch wenn wir diesen Sachverhalt kennen, ihn mit einem Geschirrtuch wegwischen und einfach umschreiben können, was wir meinen. Im Neo-Whorfianismus dagegen setzt man stark auf empirische Daten: Alles kann mithilfe von Computern überprüft werden. Die Assoziationen von Menschen aus unterschiedlichen Sprachen zu unterschiedlichen Begriffen oder Artikeln, oder wie schnell sie Dinge einordnen, wie exakt sie zeitliche Gegebenheiten einschätzen, und all diese Unterschiede werden auf die Sprache zurückgeführt. Hier gibt es zweierlei Probleme: Bei jenen Untersuchungen, in denen es um zeitliche und räumliche Messungen geht, in denen die Unterschiede zwischen Kulturen herausgearbeitet werden, kann man mit einem Blick auf die Daten schnell feststellen, dass diese Unterschiede zwar da sind, aber sie sind minimal. Das zeigt John McWhorter eindrucksvoll in The Language Hoax: Why the World Looks the Same in Every Language. Die Unterschiede sind so gering, dass sie keinerlei Einfluss auf unser tägliches Leben haben. Am Ende haben wir Menschen doch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.

Wie verhält es sich nun mit Untersuchungen zu Assoziationen? Die Kognitionswissenschaftlerin Lera Boroditsky erklärt in einem TED-Talk beispielsweise, dass Gegenstände mit einem weiblichen Artikel “weibliche” Eigenschaften zugeschrieben bekämen, wie zum Beispiel “schön” oder “elegant”, wohingegen jene mit männlichen Artikeln als “typisch männlich” wie “stark” oder “robust” bezeichnet würden. Nicht nur stößt hier die Stereotypisierung bitter auf (auch Männer können schön sein), sondern wird die historische Komponente der Zuweisung von Artikeln in diesen Untersuchungen völlig ignoriert: Im Indogermanischen sollen Gegenstände, die im Haushalt von Nutzen waren, einen weiblichen Artikel bekommen haben, im Lateinischen etwa wurden Abstrakta und Kollektiva mit weiblichen Artikeln versehen. Bei Lehnwörtern konnte das plötzlich anders sein. Wir können nicht mit Gewissheit sagen, dass Sprache das Denken formt, wenn doch auch Denken die Sprache formt – was war zuerst da, die Henne, oder das Ei? Nur jemand, der niemals in einem Kurs zur Sprachgeschichte saß, kann ernsthaft behaupten, dass die Ergebnisse hier eindeutig seien. Ein Fehler, den übrigens auch der Linguist George Lakoff begeht, der deklarierte, wir lebten nach Metaphern, ohne zu bedenken, dass Metaphern vielleicht eher nach dem Leben geformt würden. Auf Nachfrage, wie die Kausalität dahinter funktioniere, erklärte er Kausalität zur Metapher.

Aus dieser Schule geht schließlich, oft unter Reproduktion der Prämissen der vorherigen Theorien, ohne diese zu erklären zu versuchen, die Behauptung hervor, man könne mit Sprache Vorurteile aufbrechen und gezielt Aufmerksamkeit auf Probleme lenken. Ein Beispiel im Deutschen ist hierfür das sogenannte Gendern. Neben der männlichen Form müsse nun also im Deutschen auch die weibliche genannt werden, damit Frauen nicht unsichtbar sind. Man kann sich vorstellen, dass jene Minderheit, die sich weder dem einen noch dem anderen zugehörig fühlt, ohnehin schon damit hadert, was zur Kreation von Sternchen und Unterstrichen als Inklusionsmarker geführt hat. In manch anderer Sprache nimmt man das kopfschüttelnd zur Kenntnis: Im Russischen gibt es die Anekdote über Anna Achmatova, die nicht Schriftstellerin, sondern Schriftsteller genannt werden wollte – schließlich sei sie Meister ihres Faches. In der Sowjetzeit wurde gar das generische Maskulinum für die Allgemeinheit aufgebrochen: Es gab Plakate auf denen der Schriftzug prangte “Der Arzt – der Freund des Volkes”, wo das dazugehörige Bild eine Ärztin zeigt.

Der Einfluss von Bildern auf Denkmuster ist kaum abzustreiten, Sprache selbst jedoch ist keine Abbildung der Welt, wie wir spätestens seit De Saussure wissen. Begriffe und Phrasen, die keine Bilder im Kopf herausfordern, werden zu hohlen Plattitüden. Nimmt man sich des Themas in der vergleichenden Sprachwissenschaft an, kann man gar feststellen, dass die Menge an sprachlichen Geschlechtern völlig zufällig ist: In den Gender Studies wird gerne von den Quechua geredet, die südlich des Titicaca-Sees leben. Sie hätten zehn soziale Geschlechter. Sucht man jedoch nach den Quechua im The World Atlas of Language Structures wird man feststellen, dass ihre Sprache keine Unterscheidung nach Geschlecht kennt. Es gibt Sprachen, die sogar mit “fünf Geschlechter oder mehr” verzeichnet sind, wie jene der Zulu zum Beispiel. Diese jedoch akzeptieren beim Menschen nur zwei Geschlechter. Die Beispiele mögen nahelegen, dass weniger Geschlecht in der Sprache zu mehr Geschlechtervielfalt in der Kultur führe, aber hundert Beispiele mehr zeigen, dass es zufällig ist. Sprache ist eben kein Abbild der Welt. Mit biologischen Geschlechtern hatte es zunächst nichts zu tun und wie Ursula Doleschal an einer historischen Aufarbeitung des Diskurses um das Genus zeigt, ist die Annahme, dass Genus und Sexus zusammenhingen, eine ideologische Erfindung aus dem 18. Jahrhundert: Johann Gottsched und Jakob Grimm haben den Sexus als Ursache des Genussystems betrachtet und zur weiten Verbreitung dieser Auffassung beigetragen. Der Pöbel mache es stets falsch.

Bereits Hermann Paul, dessen Arbeit Grundlage für die Saussuresche Erkenntnis war, hat festgestellt, dass Genus aus rein sprachwissenschaftlicher Sicht ein Konkordanzmerkmal ist: Was im Satz zusammengehört, wird durch gemeinsame Deklination angezeigt. Während sich nach 1945 diese Erkenntnis langsam durchzusetzen begann, sitzen Vertreter der feministischen Linguistik in den 1960er Jahren wieder dem Irrtum Gottscheds auf und glauben jenen Männern, die als Kinder ihrer Zeit den Sexismus in die Sprache zerrten.

Welche Blüten dies treibt, kann man sehen, wenn man die Dissertation Lann Hornscheidts (siehe dieses Video ab Sekunde 47) öffnet: Bei Hornscheidt finden wir die behaupteten Gleichsetzungen Butlers wieder ebenso wie die Irrtümer über Saussure, obwohl es hier nicht nur möglich, sondern auch zeitlich leicht zu bewerkstelligen gewesen wäre, sich mit dem Nachlass zu befassen. Hornscheidt geht soweit zu behaupten, dass bei Saussure Sprache die Welt widerspiegle. Das ist schlicht falsch und hier wird deutlich, dass viele Quellen in den Geisteswissenschaften selbst von jenen, die das Privileg haben zu unterrichten, nicht mehr aufgesucht werden. Nur dadurch können Fehlannahmen und Fehlschlüsse derart plump und unüberprüft wieder und wieder auf höchsten akademischen Ebenen übernommen werden.

Wie verhält es sich nun mit dem Ersetzen von Wörtern durch andere, die weniger diskriminierend sein sollen? Innerhalb kurzer Zeit scheinen auch diese Begriffe irgendwie verdorben zu klingen. Steven Pinker nennt dies in Interviews und Vorträgen immer wieder “die Euphemismustretmühle”. Woran liegt das? Es ist das ewige Zwischenspiel von Konnotat und Denotat, den Beigeschmäckern der Wörter. Neue Begriffe halten der Zeit nicht stand, und das wussten wir bereits im Jahr 1880 als Hermann Paul, ein Lexikograf, die Principien der Sprachgeschichte veröffentlichte. Ein Buch gespickt mit unzähligen Beweisen. Im Kapitel über Sprachwandel unterscheidet er, wie es später auch Saussure tut, zwischen der Veränderung der Form eines Wortes, von Vokalen und Konsonanten und der Veränderung des Inhaltes eines Begriffs. Eines seiner Beispiele hierfür ist das Wort Frau, das auf das mittelhochdeutsche frôwe zurückgeht und eine Dame nobler Abstammung bezeichnete. Minnesänger und Poeten begannen den Begriff auch für gewöhnliche Frauen zu verwenden, um zu zeigen, wie besonders sie in ihren Augen waren, und in der Bevölkerung setzte er sich langsam durch. Folgten wir den Theorien, wie sie in den Gender Studies unterrichtet werden, müsste es im Mittelalter jedoch eine mächtige Frauenbewegung gegeben haben, die alle Historiker bislang übersehen haben. Die gab es mitnichten: Frauen waren Besitz (die meisten Männer übrigens ebenso, war es doch die Zeit der Leibeigenschaft).

Eine Schülerin Lakoffs, Elisabeth Wehling, hat sich in den letzten Jahren in medial beratender Funktion hervorgetan. Von ihr stammt der Vorschlag, man möge doch das Wort Flüchtling meiden, denn die Nachsilbe –ling sei ein generisches Maskulinum und wirke dadurch aggressiv und verkleinernd und herablassend sei es obendrein. Man solle besser Flüchtende oder Geflüchtete etc. sagen. Wir wissen seit hundertvierzig Jahren, dass diese Ersetzung keine Verbesserung bieten wird, doch dies ist auch ein Beispiel für etwas anderes: Die Unzulänglichkeiten im empirischen Feld. Im Jahr 2016 und 2017 entstand eine Diplomarbeit von Marlene Rummel zu dem Thema, die Teilnehmern einer Studie eine Menge an –ling Wörtern vorsetzte und feststellte, dass –ling gar nicht negativ konnotiert sei, das Suffix verschlechterte Begriffe nicht im geringsten, jedoch war es der Kontext, in dem sich der Begriff Flüchtling stets befand, der den Begriff ein negatives Konnotat aufsaugen ließ. Dem wird auch Flüchtende nicht entgehen. Wehling wird die Behauptung also nicht überprüft haben und Medien verwendeten brav Flüchtende, obwohl es sich bei dem negativen Konnotat der Nachsilbe wohl primär um Wehlings persönliche Meinung handeln muss.

Dass Behauptungen nicht überprüft werden, ob jetzt im medialen Zirkus, bei selbsternannten Experten oder bei Wiederkäuen der alten Theorien, ist jedoch nicht das einzige Problem an den Universitäten: Die Behauptung, Frauen fühlten sich nicht mitgemeint würden sie nicht explizit genannt, kam bereits in den Sechzigern auf. Durchforstet man die Bibliothekskataloge, ist es erstmal schwierig die rein theoretischen Arbeiten, die dem Sprache-ist-Macht-Narrativ folgen, von empirischen Arbeiten zu trennen und oft tut sich hier eine zeitliche Lücke auf: Die frühesten empirischen Arbeiten, die überprüfen, ob Frauen sich mitgemeint fühlten, konnte ich bislang in den Achtzigern entdecken. Sprachwissenschaftler haben zudem Schwierigkeiten, ausreichend Teilnehmer für ihre Studien zu finden, also geschieht das per Aushang am Institut oder per Institutsmailingliste und das berufliche und soziale Umfeld wird abgegrast. Die Ergebnisse bieten also oft kein repräsentatives Bild der Gesellschaft, sondern ein Bild dessen, was jene empfinden, die im selben Studium sind, die sich ohnehin für das Thema interessieren und wo die Behauptung, dass Frauen sich nicht mitgemeint fühlten, bereits seit den Sechzigern als gesichertes Wissen im eigenen Weltbild verankert ist. Wie verlässlich können Ergebnisse sein, nachdem das Thema bereits seit vierzig Jahren akademisch propagiert wird?

Auf jene schwachen neueren Studien stützt sich auch Anatol Stefanowitsch, dessen Hauptargument Moral ist. Doch sollte nicht etwas erst funktionieren, bevor man es als moralische Strategie verordnet? Stefanowitsch ist Korpuslinguist und hat hierfür nur eine Handvoll Beleidigungen ins Feld geführt. Wir kamen mit der Konsultation des „Kleinen Wapplers“, des österreichischen Schimpfwörterbuches, zu einem anderen Ergebnis. In unserem Buch gehen wir mit einiger Breite auf missglückte Studien und das größte wissenschaftliche Versagen der Nullerjahre, der sogenannten Replikationskrise ein. Unmengen an Studien, die niemals erfolgreich wiederholt werden konnten – ein Fakt der wegignoriert wurde, was Daniel Kahneman „willful blindness“ nannte, nachdem er selbst einen Sammelband zurückzog.

Kritik an diesen Studien ist durchaus nicht neu, wie die science wars“ um Alan Sokal und Bruno Latour zeigten. Sokal bewies mithilfe eines pseudowissenschaftlichen Artikels in einer soziologischen Fachzeitschrift, dass die Prozesse der Überprüfung des wissenschaftlichen Wahrheitsgehaltes vor der Veröffentlichung einer Publikation durchaus versagen können. Er kritisierte daraufhin Postmodernismus oder postmodernen Konstruktivismus als pseudowissenschaftliche Strömung, die gerade Wissenschaft als bloßen Mythos, als Konstrukt begreift, jedoch selbst von wissenschaftlicher Methodik abgerückt ist. Karl Poppers Falsifikationsprinzip, das besagt, dass eine These empirisch überprüfbar und prinzipiell widerlegbar sein muss, um als wissenschaftlich zu gelten, wird von dieser Denkrichtung abgelehnt.

Bei Bruno Latour, Sokals erwähltem Gegner, selbst ist von jenem Relativismus, den man seinen Nachfolgern durchaus anlasten kann, jedoch nicht viel zu bemerken – er war kein Vertreter eines Konstruktivismus, der auf Dekonstruktion und Demontage von Wissenschaft abzielt, sondern wollte lediglich zeigen, dass gesellschaftliche, also soziale Konstrukte notwendig sind, um herauszufinden, was ein wissenschaftlicher Fakt ist – ohne Interaktion zwischen Wissenschaftlern, Laboren und Fachzeitschriften gibt es kein Ausloten dieser Grenze, keinen Dissens darüber, ob es sich bei etwas um einen Fakt handelt, und keine Findung von Konsens. Oder anders, auf John Searle zurückgehend: Wir brauchen soziale Fakten, um harte Fakten zu erkennen und umgekehrt.

Leider kam es nicht zu einer dringend notwendigen Reform dieser Studienrichtungen, wie zum Beispiel Peter Boghossian, Helen Pluckrose und Jack Lindsay gezeigt haben, die mit ebensolchen unwissenschaftlichen Artikeln, wie jenen den Sokal verfasste, Jahre später gleichermaßen erfolgreich waren.

Wissenschaftlich etablierte Maßstäbe wären Replikationen von Studien, anonyme Peer Reviews, Protokolle und Tests – wissenschaftliche Methoden die stets neu an den Forschungsgegenstand angepasst werden. An unseren Recherchen, können wir jedoch erkennen, dass wissenschaftliche Methodik und Rigorosität im Diskurs um Sprache oft vernachlässigt werden. Gründe dafür sind Zeit, Geld, Druck etwas Relevantes zu publizieren, Bias, oder der persönlich-weltanschauliche Wunsch aus Daten etwas herauszulesen.

Am Ende ist es die Sprachgemeinschaft, die große Masse der Sprecher, denen sich die Verwendung von Begriffen beugt. Der Wandel unserer Sprache wird befeuert durch die schnelle weltweite Kommunikation im Internet, Bedeutungen verschieben und verzerren sich mit den Mitteln von Übertreibung, Ironie, Metaphern und vielem mehr. Was Bedeutung auszeichnet ist schließlich die Verwendung von Begriffen und keine elitäre politische Bestimmung von oben. Vielleicht ist es Zeit für weniger Politische und mehr Wissenschaftliche Korrektheit.

Unser Gesamttext mit sämtlichen Quellen ist kostenlos als Open Access Download zu finden. Bringen Sie unsere Quellenarbeit in die Universitätsbibliotheken und verschaffen Sie so jenen, die noch an der Suche nach Wissen interessiert sind einen Zugang! Wissenschaft sollte immer öffentlich zugänglich sein, um kritisierbar und damit gefestigter zu werden. Denn auch wer überzeugt ist, dass wir falsch liegen, soll uns zeigen an welcher Textstelle und es beweisen.

Simon, C., Auer, S.: Politische Korrektheit, Wunschdenken und Wissenschaft. Das Versagen der Universitäten im Diskurs um Sprache. Westend, 2024.

OPEN ACCESS: https://westendverlag.de/DER-VERLAG/Politische-Korrektheit-Wunschdenken-und-Wissenschaft/

Literatur (Auswahl)

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Rummel, M.: Brisantes Suffix? Zum Gewicht von -ling im Konzept des Flüchtlings. Gießen: 2017.

Said, E. W.: Orientalism: Western Conceptions of the Orient. London: 1995.

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