Agenda-Skeptizismus: Wie Cancel Culture Pseudowissenschaften vor Kritik schützt – und was das mit Wissenschaftsfreiheit zu tun hat

  • Beitrags-Autor:

Nikil Mukerji (GWUP)

Abstract: Der vorliegende Beitrag rekonstruiert den Fall der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), die durch woke Akteure ideologisch gekapert wurde und schließlich wieder auf eine wissenschaftsorientierte Linie zurückgeführt werden konnte. Er verfolgt dabei zwei Ziele: Erstens soll er zeigen, wie eine neue Form der Pseudowissenschaft den wissenschaftlichen Skeptizismus von innen angreift, ihn entlang einer ideologischen Agenda in einen selektiven „Agenda-Skeptizismus“ transformiert und Methoden der Cancel Culture nutzt, um ideologisch genehme Forschungsfelder vor wissenschaftlicher Kritik abzuschirmen. Zweitens arbeitet der Aufsatz die Relevanz dieser Entwicklung für die Debatte um die Wissenschaftsfreiheit heraus. Er begründet, warum Organisationen wie die GWUP funktional Teil des Wissenschaftssystems sind und Eingriffe in ihre Arbeit mittelbar dieselben Schutzgüter berühren wie Eingriffe in Hochschulen. Abschließend wird argumentiert, dass der Fall der GWUP strategische Einsichten für Organisationen wie das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit bietet, mit deren Hilfe sich Wissenschaftsfreiheit gezielter und wirksamer verteidigen lässt.

  1. Einleitung
  2. GWUP-Gründungsmission: Ethos der epistemischen Rationalität (EER) und liberales Erkenntnismodell
  3. Das Problem der Pseudowissenschaft
  4. Die neue Pseudowissenschaft 2.0 und der Agenda-Skeptizismus
  5. Die kulturelle Kaperung der GWUP
  6. Selbstzensur und Kontrollverlust
  7. Versuche der Kurskorrektur
  8. Die feindliche Übernahme des GWUP-Vorstands
  9. Analyse
  10. Relevanz für die Wissenschaftsfreiheit
  11. Zusammenfassung
  12. Literaturverzeichnis

Einleitung

Wissenschaft hat für die moderne Gesellschaft eine zentrale Bedeutung. Das Prädikat „wissenschaftlich“ ist zwar nicht gleichbedeutend mit „wahr“, da sich Auffassungen ändern und Irrtümer vorkommen. Doch die wissenschaftliche Methode bleibt unser verlässlichstes Instrument der Wahrheitssuche. Und wenn sich Forscher irren, wird dies am ehesten von anderen Forschern entdeckt, die Hypothesen prüfen und kritisieren. Daher ist die Frage, was echte Wissenschaft ist, wie man sie erkennt und wie man sie von unwissenschaftlichen Erkenntnisunternehmungen abgrenzt, nicht nur philosophisch interessant, sondern von eminenter praktischer Relevanz.

Diese Einsicht teilen auch die meisten Laien. Sie orientieren sich – etwa bei Gesundheitsentscheidungen – an dem, „was die Wissenschaft sagt“. Gerade das eröffnet jedoch Missbrauchspotenzial: Der gute Ruf der Wissenschaft schafft Anreize für Scharlatane, Vertrauen auszubeuten, indem sie Wissenschaftlichkeit lediglich vortäuschen. Wer Angebote mit dem Prädikat „wissenschaftlich erwiesen“ bewirbt, findet leichter Abnehmer und kann höhere Preise durchsetzen. Zahlreiche Fälle zeigen, dass Wissenschaftlichkeit oft zu Unrecht beansprucht wird. In solchen Fällen sprechen wir von Pseudowissenschaft.

Man könnte erwarten, dass Wissenschaftler energisch widersprechen, wenn wissenschaftliche Ansprüche zu Unrecht erhoben werden. Häufig geschieht dies jedoch nicht: Sie arbeiten meist hochspezialisiert, ihnen fehlt die Zeit für Aufklärungsarbeit, und nicht alle beherrschen auch die Wissenschaftskommunikation. Ab Mitte der 1970er-Jahre entstand eine Lösung für dieses Problem. Skeptische Organisationen wie das US-amerikanische Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal (CSICOP) und die deutsche Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) entlarvten pseudowissenschaftliche Vorstellungen in der Öffentlichkeit und stellten ihnen verlässliche Informationen und wissenschaftliche Fakten entgegen.

Diese klassische Frontstellung blieb bestehen, bis vor wenigen Jahren die unter Pseudowissenschaftsverdacht stehenden „Critical Studies“ – das akademische Fundament des Wokeness-Phänomens – das Feld betraten. Ab den 2010er-Jahren gewannen diese erheblich an Einfluss. Fürsprecher der Wokeness traten der GWUP bei und blockierten durch internes Lobbying deren kritische Prüfung. Ziel war, die Kernanliegen der GWUP durch eine ideologische Agenda zu ersetzen: Kritik an Pseudowissenschaft sollte nur noch dort erfolgen, wo sie ideologisch genehm war. Und die „Critical Studies“ sollten ironischerweise ohne Kritik akzeptiert werden. So wurde der wissenschaftliche Skeptizismus der GWUP in einen Pseudoskeptizismus mit ideologischer Agenda – kurz: Agenda-Skeptizismus – transformiert. Besiegelt wurde dies durch einen „Putsch“ (Schedel 2023) bei der Vorstandswahl im Mai 2023, durch den woke Mitglieder die Mehrheit im Vorstand und die volle Verfügungsgewalt über die GWUP erlangten.

Erfreulicherweise kehrte die GWUP nach einem einjährigen Richtungsstreit im Mai 2024 wieder auf den Weg der Vernunft zurück: Der mehrheitlich woke Vorstand wurde durch ein Team liberaler GWUP-Mitglieder ersetzt, das den Werten des wissenschaftlichen Skeptizismus verpflichtet ist. In diesem Aufsatz behandle ich aus Darstellungs- und Platzgründen fast nur die Jahre 2020 bis 2023 und klammere den Richtungsstreit 2023–2024 weitgehend aus. Mein Ziel liegt darin zu zeigen, wie die GWUP überhaupt durch eine woke Agenda gekapert werden konnte, in welchen Phasen diese Kaperung ablief und was jeweils hätte getan werden können, um die ideologische Übernahme der Organisation zu verhindern. Außerdem möchte ich erklären, warum es sich bei der ideologischen Kaperung der GWUP nicht lediglich um ein internes Problem eines Fachvereins handelt, sondern um einen Modellfall für die Debatte um die Wissenschaftsfreiheit. Was in der GWUP geschah, illustriert meines Erachtens, wie wissenschaftliche Einrichtungen durch eine antiwissenschaftliche Agenda unterwandert und gerade jene Kernfunktionen ausgehöhlt werden können, die die Wissenschaftsfreiheit schützen soll.

Nach einer Darstellung der Gründungsmission der GWUP skizziere ich die wissenschaftsphilosophische Grundlage der Organisation (Abschnitt 1) und präzisiere ihr Hauptarbeitsfeld: die Aufklärung über Pseudowissenschaft (Abschnitt 2). Danach behandle ich eine neue Form der Pseudowissenschaft, die sich durch „Agenda-Skeptizismus“ der Kritik entzieht (Abschnitt 3). Anschließend zeige ich, wie der klassische wissenschaftliche Skeptizismus der GWUP binnen kurzer Zeit durch einen ideologischen Agenda-Skeptizismus woker Prägung verdrängt wurde: Ausgangspunkt war eine rasche kulturelle Kaperung (Abschnitt 4), die es der GWUP schnell verunmöglichte, noch als rationaler Debattenpartner in der Öffentlichkeit aufzutreten (Abschnitt 5). Versuche der Kurskorrektur blieben erfolglos (Abschnitt 6), sodass die feindliche Übernahme des Vorstands die unvermeidbare Folge war (Abschnitt 7). Abschließend analysiere ich die Mechanismen der woken Übernahme und die – leider ausgebliebenen – Präventionsmaßnahmen (Abschnitt 8). Abschließend gehe ich darauf ein, warum der Fall der GWUP für die Debatte um die Wissenschaftsfreiheit relevant ist (Abschnitt 9), bevor ich die Ergebnisse des Aufsatzes zusammenfasse (Abschnitt 10).

  1. GWUP-Gründungsmission: Ethos der epistemischen Rationalität (EER) und liberales Erkenntnismodell

Wo Meinungsfreiheit herrscht, entsteht zwangsläufig ein Stimmengewirr, in dem auch irrationale und gefährliche Behauptungen zirkulieren. Eine Reaktion darauf ist, unliebsame Meinungen aus dem Diskurs auszuschließen. Eine andere besteht darin, Fehlinformationen zu „debunken“, ihnen also verlässliche Informationen entgegenzustellen. Genau dieses Ziel stand 1976 hinter der Gründung des Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal (CSICOP, später CSI). Nach dem Vorbild eines „neuen Skeptizismus“ (Kurtz 1992) sollten behauptete paranormale Phänomene unvoreingenommen mit wissenschaftlichen Methoden geprüft und die Ergebnisse allgemeinverständlich publiziert werden – ohne die Absicht, abweichende Meinungen aus der Debatte zu verdrängen.

In den Folgejahren entstanden nach dem Vorbild des CSICOP in vielen Ländern skeptische Organisationen (Center for Inquiry 2022) – so auch in Deutschland. Am 7. Februar 1987 gründeten zehn Interessierte in Darmstadt die Arbeitsgemeinschaft der Skeptiker zur Untersuchung von Pseudowissenschaften und Okkultem (ASUPO). Bereits am 11. Oktober 1987 folgte in Bonn die Gründung der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit der Medizinerin und Alternativmedizin-Kritikerin Irmgard Oepen als Präsidentin, dem Psychologen Robert König als Vizepräsident und Amardeo Sarma als Geschäftsführer. Ziel war von Beginn an, kritisches Denken zu fördern, pseudowissenschaftliche Behauptungen zu prüfen, die Öffentlichkeit zu informieren, Medienarbeit zu leisten und mit Gleichgesinnten zu kooperieren (Sarma 2017). Unter Oepens Einfluss erweiterte sich die anfängliche Agenda um einen dezidierten Patienten- und Verbraucherschutz. Wissenschaftliche Skepsis sollte nicht bei der Widerlegung falscher Thesen enden, sondern durch aktive Aufklärungsarbeit Schaden von Patienten und Verbrauchern abwenden und Nutzen stiften – insbesondere in der Medizin. Alternative Heilsversprechen – etwa die der Homöopathie – sollten auf ihre Vereinbarkeit mit gesichertem wissenschaftlichem Wissen geprüft und Risiken klar benannt werden (Sarma 2018).

Zugleich verstand sich die GWUP – ihrem Namen entsprechend – als Forschungseinrichtung: Kontrollierte Experimente mit Wünschelrutengängern (Wolf et al. 1998) und Tests vermeintlicher PSI-Fähigkeiten (Wolf/Sarma 2005) wurden zu Markenzeichen. Der seit 2002 jährlich durchgeführte Prognosencheck prüfte systematisch die Trefferquote von Wahrsagern und stärkte damit das Profil der GWUP in der Forschung zum vermeintlich Paranormalen. Folgerichtig nennt die GWUP-Satzung von 2021 neben der „Förderung der Bildung“ und der „Förderung des Verbraucherschutzes“ ausdrücklich auch die „Förderung von Wissenschaft und Forschung“ als Vereinszweck (GWUP 2021).

Dieses praktische Programm lässt sich wissenschaftsphilosophisch analysieren und in zwei Teile gliedern. Auf der ersten, grundlegenderen Ebene legte sich die GWUP auf das fest, was der Philosoph Julian Nida-Rümelin als Ethos der epistemischen Rationalität (EER) bezeichnet. Es verlangt, „dass wir Gründe für Überzeugungen insofern als selbstgenügsam ansehen, als wir uns von diesen Gründen unabhängig davon leiten lassen, welche Folgen und Nebenfolgen der Akt des Überzeugtseins mit sich bringt“ (Nida-Rümelin 2020: 272) und dass wir „die soziale, politische, kulturelle oder ideologische Rolle der betreffenden Hypothese“ (Nida-Rümelin 2018: 15) außen vor lassen, wenn wir prüfen, ob wir sie akzeptieren sollen oder nicht. Mit anderen Worten: Das EER ist ein Ethos der Unbestechlichkeit. Wer es annimmt – so wie die Gründer der GWUP –, legt sich darauf fest, den Dingen offen und ehrlich auf den Grund zu gehen und keine anderen Motive als das der Wahrheitsfindung zu hegen.

Auf der zweiten, konkreteren Ebene finden sich Prinzipien, die dieses Ethos praktisch wirksam werden lassen und die ich – im Anschluss an Jonathan Rauchs Gedanke der „liberal science“ (Rauch 2013, 2021) – als das liberale Erkenntnismodell bezeichnen möchte. Die Grundlage des Modells ist ein wissenschaftlicher Realismus, der in nuce besagt, dass es eine objektive, von unseren Wünschen unabhängige Wirklichkeit gibt (Mahner 2018). Erkenntnis ist möglich (epistemischer Optimismus), bleibt aber stets vorläufig, da sich ein Irrtum nie mit letzter Gewissheit ausschließen lässt (Fallibilismus). Fortwährende Kritik und Kritikoffenheit ist daher geboten (Prinzip der kritischen Prüfung). Der Ort dafür ist der offene, herrschaftsfreie Diskurs, der zu einem ehrlichen Wettbewerb der Ideen führt, in dem sich das bessere Argument zwanglos durchsetzt (Habermas 1984). Leitplanken dieser Ordnung – von Jonathan Rauch als „Verfassung des Wissens“ (Rauch 2021) beschrieben – sind die Trennung von Person und Idee, das Prinzip der wohlwollenden Interpretation der Argumente Andersdenkender, die Trennung von Tatsachen und Werten, Dogmen- und Zensurverbot sowie eine kooperative Gesprächshaltung, die Reaktanz vermeidet und Lernprozesse ermöglicht (Brehm & Brehm 1981).

Wie bereits Hofstadter (1982) betonte, ist Meinungsvielfalt nicht als Ärgernis anzusehen, sondern stellt den Rohstoff der Wissensproduktion dar – eine liberale Auffassung auf der klassischen Linie von John Stuart Mills Verteidigung der Redefreiheit in On Liberty (Mill 1859). Und auch angesehene Exponenten der deutschen Skeptiker-Szene betonten früh, dass selbst Pseudowissenschaften sich möglicherweise als nützlich erweisen, weil sie Gegenhypothesen und Tests provozieren und als Konkurrenztheorien fungieren können (Vollmer 1994). Durch diese Offenheit gegenüber Alternativhypothesen und Gegenargumenten grenzt sich der wissenschaftliche Skeptizismus von esoterischer Gewissheitskultur ab. Anders als er basiert die Esoterik (etwa nach dem Vorbild von Dethlefsen 1979/1985) auf der Autorität einer letzten Instanz – etwa eines Gurus –, die über Zweifel erhaben ist.

  1. Das Problem der Pseudowissenschaft

Die Esoterik tritt nicht unbedingt mit wissenschaftlichem Anspruch auf, sondern behauptet regelmäßig, über einen „höheren Erkenntnisweg“ zu verfügen. Somit ist sie dem Bereich der Parawissenschaft zuzurechnen (Mukerji 2025). Wissenschaftsaffine Menschen sollten dafür nicht empfänglich sein. Für sie stellt Pseudowissenschaft eine größere Bedrohung dar. Hierbei handelt es sich um Erkenntnisunternehmungen, die durchaus Wissenschaftlichkeit für sich in Anspruch nehmen und damit die Offenheit von Laien für wissenschaftliche Informationen ausnutzen. Seit der Begriff der Pseudowissenschaft eingeführt wurde, ist allerdings strittig, was er genau bezeichnet. Diese Frage firmiert in der wissenschaftstheoretischen Debatte als das Abgrenzungsproblem.

Für das Abgrenzungsproblem existieren diverse Lösungen (Hansson 2025). Die wohl einflussreichste geht auf Karl Popper zurück. Nach Popper liegt das Wesen der Wissenschaft in der kritischen Prüfung. Damit eine Aussage als wissenschaftlich gelten kann, muss sie falsifizierbar sein. Es muss also möglich sein, Bedingungen anzugeben, unter denen man den Schluss ziehen würde, dass sie falsch ist. Lassen sich solche Bedingungen nicht angeben, handelt es sich um Pseudowissenschaft.1

Poppers Abgrenzungskriterium ist einfach und elegant. Es wirft jedoch auch gravierende Probleme auf. Am schwersten wiegt wohl, dass es paradigmatische Pseudowissenschaften nicht als solche klassifiziert. Die pseudowissenschaftliche Theorie der flachen Erde etwa lässt sich durch empirische Beobachtungen klar widerlegen und ist damit falsifizierbar. Nach Poppers Falsifikationskriterium ist sie damit als wissenschaftlich einzustufen.

Auf der Suche nach einem besseren Kriterium wurden viele weitere Vorschläge unterbreitet. Sie reichten von einer Weiterentwicklung des Popper’schen Kriteriums (Lakatos 1978) bis hin zu dem Plädoyer, das Abgrenzungsproblem zu Grabe zu tragen und mithin den Begriff der Pseudowissenschaft aufzugeben (Laudan 1983). Aus Platzgründen sehe ich davon ab, die Entwicklung der Debatte ausführlicher nachzuzeichnen (ein Überblick findet sich in Mukerji 2025) und beschränke mich auf die Feststellung, dass sie spätestens seit der Veröffentlichung des Bandes The Philosophy of Pseudoscience (2013) – herausgegeben von den Wissenschaftsphilosophen Massimo Pigliucci und Maarten Boudry – einen neuen Entwicklungsschub erfahren hat.

Der ehemalige wissenschaftliche Leiter der GWUP Martin Mahner schlug vor, den Begriff der Pseudowissenschaft durch eine Indikatoren-Liste zu fassen, auf der sich z. B. der Organisationsgrad der jeweiligen Erkenntnisunternehmung findet, genauso wie der interne Informationsaustausch und die Diskursregeln, die diesen Austausch anleiten (Mahner 2013). Anders als bei Popper wird der Begriff der Pseudowissenschaftlichkeit damit graduell, was einen Vorteil darstellt, da Erkenntnisunternehmungen mehr oder weniger pseudowissenschaftlich sein können.

Ein Nachteil an Mahners Liste liegt darin, dass er uns eine Erklärung dafür schuldig bleibt, warum es sich bei seinen Kriterien jeweils um Indikatoren von Wissenschaftlichkeit bzw. Pseudowissenschaftlichkeit handelt. Ich habe einen Vorschlag unterbreitet, der diese Lücke schließen kann (Mukerji 2024a). Meine Antwort lässt sich auf zwei Arten formulieren. Greift man auf Nida-Rümelins Ethos-Begriff zurück, dann handelt es sich bei Pseudowissenschaften um Erkenntnisunternehmungen mit Wissenschaftsanspruch, die das EER jedoch – anders als genuine Wissenschaften – substanziell und systematisch verletzen. Mit anderen Worten: Man täuscht den Anspruch der Wahrheitssuche lediglich vor, verhält sich jedoch der Wahrheit gegenüber indifferent – eine Einstellung, die der Philosoph Harry Frankfurt als Wesensmerkmal des Bullshits ansieht (Frankfurt 2005). Auf diesen Aspekt hebt die zweite mögliche Formulierung meiner Antwort ab: Pseudowissenschaften sind Erkenntnisunternehmungen, bei denen uns Bullshit als Wissenschaft verkauft wird (Mukerji 2024a; Mukerji/Ernst 2022; Mukerji/Mannino 2022).

Mahners Indikatoren können deswegen helfen, Pseudowissenschaften zu erkennen, weil Aspekte wie der Organisationsgrad einer Erkenntnisunternehmung, der dort gepflegte Informationsaustausch und die gelebten Diskursregeln darauf schließen lassen, wie ernst man es mit der Realisierung des EER wirklich meint. Während meine Antwort auf das Abgrenzungsproblem dieses ontologisch deutet und die Natur bzw. Essenz oder dem Wesenskern der Pseudowissenschaft benennen will, kann man Mahners Vorschlag als Antwort auf die epistemologische Frage interpretieren, wie man Pseudowissenschaften konkret erkennt. Nach dieser Deutung müssen sich die beiden Antworten nicht widersprechen.

Dennoch spreche ich mich für eine andere Antwort auf die epistemologische Version des Abgrenzungsproblems aus. Der Grund dafür liegt in dem Phänomen der Wissenschafts-Mimikry (Blancke et al. 2017). Dieses liegt vor, wenn Pseudowissenschaften typische Eigenschaften der Wissenschaft nachahmen. Ein Paradebeispiel ist die Homöopathie. Bei ihr handelt es sich um eine paradigmatische Pseudowissenschaft (Mahner 2007, 2013). Allerdings geben sich Vertreter der Homöopathie große Mühe, die genannten Wissenschaftsindikatoren zu erfüllen. Sie sind in Fachgesellschaften organisiert (z. B. in der sogenannten „Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie“), es gibt Fachjournale als Medien der Informationsweitergabe und auch die Diskursregeln muten auf den ersten Blick wissenschaftlich an. Bemerkenswerterweise suchen Vertreter der Homöopathie – anders als es das Klischee der Pseudowissenschaft vermuten ließe – nicht ausschließlich nach Bestätigung. In ihren Kommunikationsmedien kommen auch Kritiker zu Wort (Leick 2008); und es wird auch über Studien berichtet, die Hypothesen verwerfen. McCarney et al. (2002) kommen z. B. zu dem Schluss, dass man das korrekte homöopathische Mittel für einen Patienten vermutlich nicht auspendeln kann.

Daher habe ich dafür argumentiert, dass man einem „symptomorientierten Ansatz“ (Boudry 2022) folgen sollte, der sich auf die primäre Evidenz für das Vorliegen von Bullshit kapriziert: sophistische Argumentationen bzw. „argumentativen Bullshit“ (Mukerji/Mannino 2022). Bei der gründlichen Analyse einer Erkenntnisunternehmung wie der Homöopathie fallen einem skeptischen Beobachter so viele argumentative Fehltritte auf, dass sich auf eine substanzielle und systematische Verletzung des EER durch Wahrheitsindifferenz schließen und die Diagnose Pseudowissenschaft stellen lässt (Mukerji/Ernst 2022).

Augenfällig ist jedoch ein Problem, auf das ich andernorts hingewiesen habe (Mukerji 2026): Für Laien ist eine direkte Anwendung des symptomorientierten Ansatzes kaum möglich. Denn eine solche verlangt nicht nur fortgeschrittene Fähigkeiten im kritischen Denken, sondern auch hinreichende Zeit, Aufmerksamkeit und Informationen. Wie gehen wir damit um? Da die Lösung in einer kognitiven Arbeitsteilung (Kitcher 1993: 344 ff.) liegt, mit der sich die Disziplin der sozialen Erkenntnistheorie oder Sozialepistemologie befasst, habe ich vorgeschlagen, diese Variante des Problems als das sozialepistemologische Abgrenzungsproblem zu bezeichnen (Mukerji 2026).

Meine favorisierte Lösung für diese sozialepistemologische Interpretation des Abgrenzungsproblems liegt im wissenschaftlichen Skeptizismus. Organisationen wie CSICOP (heute: CSI) oder GWUP können die Bewertung von Erkenntnisunternehmungen wie der Homöopathie übernehmen und Laien darüber informieren, ob es sich bei ihnen um Pseudowissenschaften handelt (oder womöglich handeln könnte), sodass Vorsicht geboten ist. Allerdings ist der Wissenstransfer an Bedingungen geknüpft, die allesamt erfüllt sein müssen, damit das sozialepistemologische Abgrenzungsproblem auf diese Weise gelöst wird.

(1) Die skeptische Organisation muss tatsächlich über Wissen verfügen (Bedingung des Wissens).

(2) Sie muss dieses Wissen zuverlässig mit der zu informierenden Partei teilen (Bedingung der Wahrhaftigkeit).

(3) Die zu informierende Partei muss den Aussagen der informierenden Partei vertrauen (Bedingung des Vertrauens).

Ist (1) nicht erfüllt, gibt es kein Wissen, das vermittelt werden kann. Bei Nicht-Erfüllung von (2) kann Wissen nicht zuverlässig weitergegeben werden. Ist (3) verletzt, dann gibt es Wissen, das auch verlässlich weitergegeben wird, doch die Adressaten – wissenschaftliche Laien – nehmen es nicht an.

Pseudowissenschaftler, die in ihrer Legitimität durch skeptische Aufklärungsarbeit angegriffen werden, versuchen das Gelingen des Wissenstransfers seit jeher zu sabotieren. Sie zielen dabei auf die dritte Bedingung des Wissenstransfers, also auf die Zerstörung von Vertrauen – etwa indem sie skeptische Vereinigungen als verdeckte Lobbyorganisationen der Pharmaindustrie brandmarken (Grams/Mukerji 2017). Neutrale Beobachter können solche Behauptungen jedoch meist durchschauen, da die Ankläger selbst ausgeprägte wirtschaftliche Interessen verfolgen. Wenn Hersteller homöopathischer Arzneiprodukte Skeptiker als „Pharma-Lobby“ bezeichnen, ist die Ironie augenfällig. Zugleich ist dies die einzige Option, die klassischen Pseudowissenschaftlern bleibt, weil sie den Wissenstransfer nicht bei der ersten und zweiten Bedingung unterbinden können. Eine neue Erscheinungsform der Pseudowissenschaft ist jedoch in der Lage, auch bei den ersten beiden Bedingungen anzusetzen, wie ich im folgenden Abschnitt erläutern werde.

  1. Die neue Pseudowissenschaft 2.0 und der Agenda-Skeptizismus

Es gibt – so meine These – eine neue Form der Pseudowissenschaft, deren Anhänger deutlich effektiver agieren als klassische Pseudowissenschaftler. Um ihr Erfolgsrezept zu verstehen, skizziere ich zunächst die klassische Frontstellung zwischen Pseudowissenschaftlern und Skeptikern, um davon dann das Interaktionsmuster abzugrenzen, das resultiert, wenn die neue Pseudowissenschaft auf den wissenschaftlichen Skeptizismus trifft. Als konkretes Beispiel einer klassischen Pseudowissenschaft, die ich als Kontrastfolie heranziehe, verwende ich die Homöopathie. Deren Vertreter bezeichne ich der Einfachheit halber als „Homöopathen“ – auch wenn damit streng genommen eher eine praktisch arbeitende Berufsgruppe bezeichnet wird.

Das Verhalten von Homöopathen lässt sich anhand von vier Faktoren analysieren: Selbstdarstellung, Debattenverständnis, Zielsetzung und Strategie. In ihrer Selbstdarstellung grenzen sich Homöopathen dezidiert vom wissenschaftlichen Skeptizismus ab, den sie für wissenschaftsphilosophisch verkürzt halten. Die Details sind hier unerheblich. Festzuhalten ist lediglich, dass eine Unterwanderung skeptischer Organisationen durch Homöopathen äußerst unwahrscheinlich ist. Denn erstens können skeptische Organisationen bei jedem Aufnahmeantrag den Hintergrund des Bewerbers prüfen, was die GWUP auch tut. Beantragt eine Person die Mitgliedschaft, deren öffentlich geäußerte Positionen skeptischen Grundwerten widerspricht und die womöglich pseudowissenschaftlichen Auffassungen anhängt, sucht man nochmals das Gespräch und klärt, ob die GWUP wirklich der richtige Verein ist. Zweitens würden die allermeisten Homöopathen nie erwägen, einer skeptischen Organisation wie der GWUP beizutreten. Homöopathen betrachten Skeptiker als Widerpart in einer Sachdebatte, an der sie mit dem Ziel teilnehmen, argumentative Überlegenheit zu gewinnen. Ihre Strategie besteht darin, Sachargumente vorzubringen – bisweilen in Form bizarrer Verschwörungstheorien, etwa der Behauptung, Skeptiker seien bezahlte Handlanger der Pharmaindustrie (Milgrom 2008).

Selbstdarstellung, Debattenverständnis, Zielsetzung und Strategie begrenzen die Handlungsmöglichkeiten von Homöopathen und mindern ihre Effektivität. Weil sie sich von Skeptikern abgrenzen, bleibt ihnen der Zugriff auf die inneren Strukturen skeptischer Organisationen verwehrt. Sie können daher weder den für deren Wissensproduktion notwendigen internen Diskurs sabotieren noch verhindern, dass Skeptiker ihre Erkenntnisse öffentlich, wahrhaftig und ohne Rücksicht auf die Agenda der Homöopathen kommunizieren.

Da Homöopathen die Auseinandersetzung mit Skeptikern als Streit um eine empirische Frage verstehen – ob Homöopathie funktioniert oder nicht –, fällt ihnen zudem eine Moralisierung der Debatte vergleichsweise schwer. Das ist strategisch nachteilig, weil moralische Argumente eine größere rhetorische Durchschlagskraft besitzen und Handlungsoptionen legitimieren, die Homöopathen nicht offenstehen. Homöopathen können folglich nur in der Sache argumentieren und hoffen, damit zu überzeugen. Eine neue Form der Pseudowissenschaft, die ich Pseudowissenschaft 2.0 nenne, setzt an anderer Stelle an und unterscheidet sich in allen vier Analysedimensionen von der Homöopathie.

1) Selbstdarstellung: Anhänger einer Pseudowissenschaft 2.0 treten nicht in Opposition zu Skeptikern auf, sondern beanspruchen selbst, Skeptiker zu sein. Die meisten glauben dies wohl sogar. Und es bleibt nicht nur bei der Behauptung: Sie übernehmen klassische Verhaltens- und Sprechweisen, die bei oberflächlicher Betrachtung ein wissenschaftlich-skeptisches Mindset nahelegen. So können sie in traditionellen Arbeitsfeldern skeptischer Organisationen – etwa Astrologie, Homöopathie etc. – weitgehend geteilte skeptische Positionen vertreten, gegen typische pseudowissenschaftliche Auffassungen argumentieren und Denkfehler entlarven. Gleichwohl sind sie nicht genuin skeptisch, sondern pseudoskeptisch (Mukerji 2024b), da sie das EER und das liberale Erkenntnismodell nicht akzeptieren. Sie betreiben Skeptizismus-Mimikry – analog zur Wissenschafts-Mimikry.2

2) Debattenverständnis: Wie Homöopathen hängen die Vertreter der Pseudowissenschaft 2.0 einer Pseudowissenschaft an. Wird diese kritisiert, reagieren sie jedoch anders als klassische Pseudowissenschaftler: Sie deuten Meinungsverschiedenheiten nicht als sachlichen Dissens, der argumentativ auszutragen ist, sondern als moralische Konfrontation.

3) Zielsetzung: Aus diesem Debattenverständnis folgt, dass es ihnen – anders als klassischen Pseudowissenschaftlern – nicht primär um sachliche Überzeugungsarbeit geht. Vorrangig soll ein moralisches Signal gesetzt werden: Andersdenkende gelten nicht nur als fehlgeleitet, sondern als schlechte Menschen, gegen die ein anständiger Mensch vorgehen müsse. Der Ausschluss solcher Stimmen aus der Debatte erscheint damit als legitimes, ausdrücklich angestrebtes Ziel. Abweichende Meinungen werden folglich nicht nur kritisiert, sondern entweder mit hohen sozialen Kosten belegt, um sie zu unterbinden, oder es wird darauf hingewirkt, sie vollständig zu verunmöglichen (Sebastiani 2023).

4) Strategie: Entsprechend ändern sich die Mittel. Statt mit Sachargumenten zu arbeiten, nutzen Vertreter der Pseudowissenschaft 2.0 das vollständige Instrumentarium der Cancel Culture: Abweichende Stimmen werden sanktioniert, ihre Glaubwürdigkeit durch Gerüchte und den Vorwurf der Kontaktschuld untergraben, ihre Aussagen konsequent negativ ausgelegt, die Betroffenen beleidigt, herabgewürdigt und eingeschüchtert sowie in anderen Kontexten untragbar gemacht. Zudem entzieht man ihnen Kommunikationskanäle, um die öffentliche Artikulation ihrer Sicht zu verhindern (Deplatforming).

Ich habe bereits betont: Das Wesen der neuen Pseudowissenschaft 2.0 liegt nicht nur darin, einen Wissenschaftsanspruch zu erheben, obwohl das EER substanziell und systematisch verletzt wird und man de facto Bullshit vertritt. Darin stimmt sie mit der althergebrachten Pseudowissenschaft 1.0 überein. Wie gezeigt, unterscheidet sie sich jedoch in der Herangehensweise: Sie vertritt nicht nur eine Pseudowissenschaft, sondern betreibt zusätzlich Skeptizismus-Mimikry, ahmt also Eigenschaften des wissenschaftlichen Skeptizismus nach, verhält sich aber nicht genuin skeptisch, sondern pseudoskeptisch.

Diese beiden Komponenten – Pseudowissenschaft und Skeptizismus-Mimikry bzw. Pseudo-Skeptizismus – stehen nicht lediglich nebeneinander. Ihre Verbindung folgt einer inneren Logik. Zwar wäre grundsätzlich denkbar, dass jemand sich unabhängig vom Themenfeld pseudoskeptisch verhält. Bei der Pseudowissenschaft 2.0 ist dies jedoch gerade nicht der Fall. Vielmehr zeigt sich eine bereichsspezifische Bereitschaft, dem wissenschaftlichen Skeptizismus zu folgen, das EER anzuwenden und sich am liberalen Erkenntnismodell zu orientieren. In bestimmten Bereichen will man skeptisch sein, in anderen nicht. Daher haben führende GWUP-Mitglieder die Begriffe „Partial-Skeptizismus“ und „selektiver Skeptizismus“ vorgeschlagen, die diesen Aspekt akzentuieren.3

Die naheliegende Frage lautet, nach welcher Logik bestimmte Bereiche von Skepsis ausgenommen werden. Zur Beantwortung bietet es sich an, den von Sandra Kostner eingeführten Begriff der Agendawissenschaft als Ausgangspunkt zu wählen. Für die Agendawissenschaft ist es nach Kostner charakteristisch, dass „nicht das ergebnisoffene Streben nach Erkenntnis im Zentrum steht“ (Kostner 2021: 18), sondern ein anderes Anliegen. Agendawissenschaftler haben, wie es der Name sagt, eine Agenda, die neben reinem Erkenntnisstreben auch andere Ziele beinhaltet. Die konkrete Zielsetzung, die Kostner im Sinn hat, besteht darin, „Forschung und Lehre [zu] nutzen, um die Gesellschaft gemäß der eigenen, am identitätspolitischen Paradigma ausgerichteten Agenda zu formen“ (Kostner 2021: 18). Prinzipiell könnte die Agenda sich zwar auch an einer anderen Zielsetzung ausrichten, doch diejenige Variante der Agendawissenschaft, für die das Ziel der Förderung linker Identitätspolitik – aka „Wokeness“ – im Zentrum steht, ist in der deutschen Akademia sicherlich die dominante Form. Entsprechend könnte man erklären, was Agendawissenschaft ist, indem man auf eine holzschnittartige Formel zurückgreift:

Agendawissenschaft = Wissenschafts-Mimikry + Agenda

Analog dazu lässt sich erklären, was Agenda-Skeptizismus ist. Auf eine Formel gebracht handelt es sich dabei um:

Agenda-Skeptizismus = Skeptizismus-Mimikry + Agenda

In der GWUP zog ein Agenda-Skeptizismus woker Prägung in die Organisation ein. In den folgenden drei Abschnitten werde ich nachzeichnen, wie dieser zunächst in die GWUP-Kultur einwanderte (Abschnitt 4) und die Fähigkeit der Organisation, als rationaler Debattenteilnehmer zu fungieren, zerstörte (Abschnitt 5). Da Versuche einer Kurskorrektur scheiterten (Abschnitt 6), konnten woke Mitglieder sogar zeitweise die Mehrheit im Vorstand der Organisation erlangen (Abschnitt 7).

  1. Die kulturelle Kaperung der GWUP

2020 fiel die jährliche Konferenz SkepKon aus. Doch statt eines Einbruchs beim Mitgliederwachstum erlebte die GWUP einen nie dagewesenen Mitgliederzuwachs. Getragen wurde dieser durch eine Online-Community rund um das Twitch-Format „Ferngespräch“ der „WildMics“. Initiator und Gastgeber war der Komiker und Musiker Tommy Krappweis. Flankiert wurde er von einigen GWUP-Mitgliedern.

Die Premiere am 31. März 2020 fiel in den ersten Lockdown und trug den Titel: „Bullshit erkennen – In der Corona-Krise und danach“. Schnell zeigte sich: Das Talk-Format bediente nach Aussage seines Machers Krappweis einen Informations- und Orientierungsbedarf, den offizielle Briefings des Robert-Koch Instituts (RKI) nicht abdeckten (Krappweis 2021). Durch interaktive Elemente wie einen Live-Chat und wiederkehrende Rituale wurde das Ferngespräch zu einem interaktiven Online-Treffpunkt. Das erzeugte Zugehörigkeit: #Flauschhaufen – der selbstgewählte Name der Community – wurde zum identitätsstiftenden Hashtag in den sozialen Medien.

Durch die Präsenz von GWUP-Mitgliedern wurde die Organisation regelmäßig erwähnt und faktisch beworben. In der GWUP-Geschäftsstelle stieg daraufhin die Zahl der Mitgliedsanträge deutlich. Besonders im Winter 2020/21 kamen zahlreiche Neueintritte aus dem Umfeld der Ferngespräch-Community. Im März 2021 überschritt die Mitgliederzahl der GWUP erstmals die Marke von 2.000. Der Mitgliederboom wurde zunächst auch von Altmitgliedern mit erheblichem Wohlwollen aufgenommen. Schon lange hatte man diskutiert, wie neue Zielgruppen erschlossen und jüngere Menschen für den wissenschaftlichen Skeptizismus gewonnen werden könnten.

Die Anfangseuphorie überdeckte jedoch Probleme: Es wurde nicht geprüft, ob die Neumitglieder überhaupt wussten, wofür die GWUP steht. Eine systematische Einführung in das liberale Erkenntnismodell und die Grundwerte der GWUP blieb aus. Neumitglieder, die häufig ein aktivistisches Selbstverständnis und meinungsautoritäre, „woke“ Diskursnormen verinnerlicht hatten, wurden nicht darauf hingewiesen, dass Diskussionen in der GWUP – auch bei kontroversen Themen – offen, verständigungsorientiert und herrschaftsfrei ablaufen sollen.

In der GWUP bewirkte dies einen deutlichen Kulturwandel – weg von einer offenen, liberalen Gesprächskultur hin zu einer woken Opferkultur (Campbell/Manning 2018). Damit ging eine Normalisierung von Methoden der Cancel Culture einher. Besonders Meinungsführer des Ferngespräch-Talks trugen dazu bei. Bereits in einer frühen Ausgabe schilderte der Gastgeber Tommy Krappweis, er habe eine Rolle in einer Hörspielproduktion umbesetzen lassen, nachdem ein Schauspieler durch kontroverse politische Äußerungen zur Corona-Politik der Bundesregierung aufgefallen war (Wildmics 2021). Ein Unternehmer darf natürlich so handeln. Doch der selbstbewusst kommunizierte Schritt sendete ein Signal an die Ferngespräch-Community: Bei politischen Differenzen gilt der Ausschluss von Personen als legitimes Mittel, um der „guten Sache“ zu ihrem Recht zu verhelfen. Da sich das Ferngespräch-Format in der GWUP zum wesentlichen Instrument der Neumitgliederrekrutierung entwickelt hatte, sickerten solche antiliberalen Vorstellungen, die den Werten des liberalen Erkenntnismodells der GWUP fundamental widersprachen, allmählich in die Organisation ein.

Spätestens ab 2021 veränderte sich die gelebte Diskussionskultur der GWUP merklich. Der zweite Lockdown verlagerte Vereinsleben und Öffentlichkeitsarbeit nahezu vollständig ins Netz. Die Aktivität auf der internen Mailingliste stieg an, und mit dem Kulturimport nahm die soziale Reibung deutlich zu. Kritische Fachdebatten, die in der GWUP traditionell nach dem Motto „fortiter in re, suaviter in modo“ (hart in der Sache, aber herzlich im Ton) geführt wurden, kippten nun regelmäßig in Wertungs- und Identitätskonflikte. Erbitterte Auseinandersetzungen über Feminismus und sensiblen Sprachgebrauch wurden zur Regel. Diskussionen, die überhaupt nicht mit dieser Intention starteten, wurden regelmäßig von woken Neumitgliedern gekapert und immer wieder auf diese Themen gelenkt.

Rasch verschob sich der Fokus von der argumentativen Sachebene hin zur Frage, wer zu welchem Thema sprechen und was er dabei sagen darf. „Privilegien-Checks“ wurden eingefordert. Kritik an sachlichen Äußerungen wurde zu persönlichen oder gruppenbezogenen Angriffen hochstilisiert – typische Elemente einer woken Opferkultur. Wer etwa die Existenz einer Lohnlücke zwischen Männern und Frauen in Frage stellte oder Einwände gegen die Gendersprache formulierte und damit woke Dogmen und Tabus missachtete, sah sich schnell der Misogynie und des „Mansplaining“ bezichtigt. Gruppenbezogene Abwertungen („alter, weißer Mann“) wurden Teil der rapide degenerierenden Debattenkultur in der GWUP.

Schnell wurde deutlich: Das fallibilistische, liberale Erkenntnismodell – ausgerichtet auf sachliche Prüfung, die Trennung von Person und Idee und den Habermas’schen „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ (Habermas 1984) – bekam Konkurrenz durch neue Vorstellungen, die ihm nahezu in jedem Punkt widersprachen. An die Stelle kritischer Prüfung traten Dogmen und Tabus; statt der Kritik von Ideen ohne Ansehung der Person rückte die Sprecherposition ins Zentrum; statt des besseren Arguments zählte die Deutungshoheit bestimmter Identitätsgruppen. Widerspruch wurde als Invalidierung der Erfahrung von Betroffenen und deren „gelebten Realitäten“ gebrandmarkt.

Diese Entwicklung hatte materielle Folgen. Langjährige Mitglieder verließen nach Anfeindungen aus dem schnell wachsenden woken Lager die GWUP, was den Kulturwandel weiter verstärkte. Auf der Leitungsebene stellte sich zunehmend die Frage nach den geltenden Diskursregeln. Zugleich zeigte sich, dass das liberale Erkenntnismodell auch dort nicht mehr unangefochten war. Einige Vorstandsmitglieder fühlten sich der Ferngespräch-Community näher als der GWUP und warnten, man müsse deren Vorstellungen bedienen, um woke Neumitglieder zu halten. Forderungen nach „Safe Spaces“, „Privilegienchecks“ und stärker moderierten Debatten wurden laut. Auch eine Schließung der E-Mail-Liste wurde angeregt, um sensible Mitglieder vor abweichenden Meinungen zu schützen. Genauso sprach man sich dafür aus, woke Slogans in der Außendarstellung der GWUP affirmativ zu verwenden – etwa: „Transfrauen sind Frauen.“ Zwar konnten sich diese Forderungen zur damaligen Zeit im GWUP-Vorstand überwiegend nicht durchsetzen. Doch mindestens ein Vorstandsmitglied – der Autor dieses Textes – warnte bereits damals davor, dass die immer lauter werdenden Forderungen nach politischer Korrektheit die Kernprinzipien des wissenschaftlichen Skeptizismus unterminieren könnten.

Versuche, diesen Entwicklungen gegenzusteuern, folgten. Beiträge in Vereinsmedien diskutierten die Risiken woker Identitätsideologie für die wissenschaftlich-skeptische Mission und warnten vor der Aufwertung subjektiver „gelebter Realität“ gegenüber dem Prinzip der kritischen Prüfung und dem Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität (Mahner 2021; Edmüller/Mukerji 2022; Harder/Mukerji 2022). Dies konnte den Verfall der Debattenkultur jedoch nicht stoppen. Ohne systematisches Onboarding in das liberale Erkenntnismodell – und die damit verbundenen Prinzipien des wissenschaftlichen Realismus, Fallibilismus, des Prinzips der Trennung von Person und Idee und des Zensurverbots – und ohne eine Führung, die diese Werte und Normen auch in den digitalen Medien konsequent schützt, kippte die ehemals liberale Streitkultur der GWUP in eine woke Opferkultur.

  1. Selbstzensur und Kontrollverlust

Nicht nur die interne Debattenkultur der GWUP hatte durch die kulturelle Kaperung erheblichen Schaden genommen. Ab dem Jahr 2022 verdichteten sich die Anzeichen, dass auch die Fähigkeit der Organisation, als rationaler Diskursteilnehmer in der Öffentlichkeit aufzutreten, erheblich beeinträchtigt war. Zwei Konfliktlinien verdeutlichen dies: die Causa Vollbrecht und die ABA-Debatte.

Am 2. Juli 2022 sagte die Humboldt-Universität einen Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht zur Zweigeschlechtlichkeit in der Biologie ab – offiziell aus Sicherheitsgründen. Ein studentischer Aktivistenkreis, der die biologische Zweigeschlechtlichkeit als „menschenverachtend“ und „trans*feindlich“ brandmarkte (arbeitskreis kritischer jurist*innen 2022), rief zum Protest auf. Obwohl der Vortrag später nachgeholt wurde, entzündete sich bundesweit eine Debatte über Wissenschaftsfreiheit, den Umgang mit kontroversen Themen und die Rolle der Universitäten im Meinungsstreit (Lammich 2024). Diese Debatte strahlte auch in GWUP-Kreise aus.

Rasch zeigte sich, dass ein Riss durch die Mitgliedschaft der GWUP geht. In den sozialen Medien kam es zu Scharmützeln zwischen Mitgliedern, die das Geschlecht über Gameten definierten und daher für binär hielten, und Mitgliedern, die dem widersprachen. Mindestens ein Vorstandsmitglied verteidigte ebenfalls die Nonbinarität des biologischen Geschlechts und verwies zur Stützung auf Beiträge, die diese vermeintlich nachgewiesen haben (u. a. Novella 2022; Ainsworth 2015). Aus sachlichen Dissensen wurden identitätspolitische Schlagabtausche, teils mit abwertenden Etikettierungen („TERF“), die die Polarisierung der GWUP verdeutlichten: Die eine Seite mahnte, Biologie nicht mit Sprach- und Gesellschaftspolitik zu vermengen. Die andere sah in der Verteidigung biologischer Tatsachen bereits eine „Feindlichkeit“ gegenüber Transsexuellen.

Der Vorgang wirkte tief in die Organisation hinein. Deshalb verwies der Vorsitzende Amardeo Sarma die Frage nach dem biologischen Geschlecht an den GWUP-Wissenschaftsrat und bat um eine Stellungnahme. Satzungsgemäß ist der Wissenschaftsrat dafür zuständig, die wissenschaftliche Integrität der Vereinsarbeit zu prüfen (GWUP 2021). Bereits Ende Juli 2022 lag ein vertraulicher Entwurf vor. Er bekräftigte die biologische Zweigeschlechtlichkeit als empirische Tatsache. Zugleich warnte er davor, biologisches Geschlecht und Geschlechtsidentität zu vermengen, und benannte den Sein-Sollen-Fehlschluss.

Intern fand der Text breite Zustimmung. Doch entgegen der Bitte, Vertraulichkeit zu wahren, wurde er an Personen außerhalb des Gremiums weitergereicht. Daraufhin verlangten drei der insgesamt neun Vorstandsmitglieder vom Vorsitzenden Sarma, eine Veröffentlichung des Schreibens zu stoppen, um einen „Shitstorm“ zu vermeiden. Zugleich drängte man darauf, dass die GWUP in der Außendarstellung woke Slogans übernimmt („Trans women are women …“) und sich sichtbar als „Ally“ positioniert. Die Sorge, die in diesem Zusammenhang geäußert wurde, bestand allerdings nicht nur darin, dass Nicht-Mitglieder von außen Druck erzeugen würden – ein Phänomen, das man als „criticism capture“ bezeichnet. Besonders befürchtete man, dass die überwiegend woken Neumitglieder aus der Ferngespräch-Community aufbegehren würden – ein ähnliches Phänomen, das man als „audience capture“ bezeichnet.

Aufgrund des erheblichen Drucks und des Mangels an Ressourcen, eine Debatte zu führen, einigte sich der Vorstandsvorsitzende mit dem Vorsitzenden des Wissenschaftsrats – dem Autor dieses Textes –, das Papier zunächst nicht zu veröffentlichen. Zeitgleich führten externe Beiträge die Debatte ungleich schärfer, während die GWUP schwieg. Das zeigt deutlich, wozu diese Form der Selbstzensur führt: Wenn das schlichte Referieren biologischer Tatsachen bereits durch Aktivisten als Grenzüberschreitung gebrandmarkt wird, reagieren moderate Stimmen mit Selbstzensur – und es bleiben lediglich die radikalen Stimmen im Diskurs übrig.

Die zweite Konfliktlinie entzündete sich an Applied Behavior Analysis (ABA), einem Ansatz, der in der Verhaltenstherapie bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) eingesetzt wird. Aktivisten forderten die GWUP wiederholt auf, sich zu ABA zu positionieren. Im Januar 2022 teilte der Social-Media-Beauftragte der GWUP über Twitter mit, man werde sich an der höchst emotionalen Debatte nicht beteiligen, betrachte ABA aber zugleich nicht als Pseudotherapie. Unmittelbar danach prasselten Vorwürfe selbsternannter Behindertenrechtsaktivisten auf die GWUP ein – meist unter dem Hashtag #noABA. ABA sei „kriminell“, „Folter“, „Konversionstherapie für Autisten“, „Kindesmissbrauch“ und obendrein wirkungslos. Die Empörungswelle zielte erkennbar nicht auf eine wissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung, sondern auf die Instrumentalisierung der GWUP für eine fremde Agenda und auf eine Verurteilung von ABA. Da zumindest einige Aktivisten zu den Followern des Twitch-Talkers Tommy Krappweis gehörten, wuchs der Druck auf GWUP-Mitglieder aus dem Umfeld der Ferngespräch-Community, sich zu positionieren. Diese setzten wiederum die GWUP-Führung unter Druck, eine interne Task-Force einzusetzen – mit dem naiven Ziel, Einschätzungen zu liefern, die die Debatte befrieden würden.

Ende 2022 erschienen drei Beiträge zu ABA in der Vereinszeitschrift Skeptiker: ein thematischer Überblick eines in der internationalen Skeptiker-Szene anerkannten Psychologen, eine wissenschaftliche Einordnung durch eine ABA-Expertin und ein Text eines Kinder- und Jugendpsychiaters mit vermittelndem Anspruch. Weil Fachexpertise und nicht Aktivismus zu Wort kam, brach ein Sturm der Entrüstung los. In sozialen Medien diffamierte man die Texte als PR-Beiträge von Lobbyisten. Den Autoren wurde unterstellt, den Verein für politische Einflussnahme zu missbrauchen und die aufklärerische Mission der GWUP zu verletzen. Versuche aktiver GWUP-Mitglieder, eine Sachdiskussion zu führen und die GWUP als offenes Forum evidenzbasierter Debatten zu verteidigen, prallten am zunehmend aggressiver werdenden „Cancel-Mob“ ab, der „Haltung“ und „Solidarität“ einforderte. Statt eine Debatte zu führen, verlangte man eine „Richtigstellung“, eine Distanzierung von ABA und den Ausschluss bestimmter Personen. In sozialen Medien wurde zudem mit rechtlichen Schritten gedroht, um der GWUP die Gemeinnützigkeit aberkennen zu lassen. Parallel vernetzten sich Empörungsblasen. Ein Mitglied – der Psychologe Christoph Bördlein – wurde beschuldigt, nicht nur eine behindertenfeindliche Pro-ABA-Position zu vertreten, sondern auch einem angeblich rechtsradikalen Netzwerk anzugehören: dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit.

Obwohl man sich innerhalb der ABA-Task-Force vorab auf eine gemeinsame Linie festgelegt hatte, traten unter aktivistischem Einfluss innerorganisatorische Risse auf. Ein Vorstandsmitglied, zugleich Mitglied der ABA-Task-Force, kritisierte öffentlich, die „Stimme der Betroffenen“ sei nicht ausreichend einbezogen worden, und gelobte, künftig dafür einzustehen, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Aus wissenschaftlicher Sicht bestand dazu kein Anlass. Bereits diskutiert wurde, dass eine besondere Berücksichtigung der Betroffenenperspektive Verzerrungen in der Evidenzlage erzeugen kann, die einer wissenschaftlich korrekten Auseinandersetzung zuwiderlaufen. Einzelberichte – zumal von hochfunktionalen Autisten – ersetzen keine Studien; und Rückschlüsse auf die Bedürfnisse von Kindern mit schweren Ausprägungen der ASS lassen sich ohnehin nicht ziehen, wenn lediglich Sichtweisen vom milden Ende des Spektrums einbezogen werden. Ein markantes Beispiel in der Debatte betraf die Schilderung massiver Selbst- und Fremdgefährdung eines Kindes, das mit ABA erreichbare Alltagsschritte erlernte. Die Seite der Aktivisten quittierte dies mit dem Vorwurf des „Dressierens“ und brach die Kommunikation ab. Der Vorgang veranschaulichte exemplarisch die Dynamik: Betroffenheit wird zur Deutungshoheit erhoben, empirische Differenzierungen werden blockiert, und der rationale Diskurs erodiert.

Die Causa Vollbrecht und die entgleiste ABA-Debatte zeigen, wie die kulturelle Kaperung der GWUP die Fähigkeit der Organisation schwächte, als rationaler Debattenteilnehmer zu fungieren. Thesen, die seitens einer Wissenschaftsorganisation dringend hätten artikuliert werden müssen – etwa, dass es aus biologischer Sicht bei höher entwickelten Lebewesen genau zwei Geschlechter gibt –, konnten nicht mehr geäußert werden. Grund war, dass entsprechende Äußerungen nicht zur ideologischen Agenda bestimmter GWUP-Mitglieder passten und blockiert wurden (Selbstzensur). Zudem überließ man externen Aktivisten das Agenda-Setting. Mit ABA nahm man ein aktivistisch gekapertes Thema auf und stand anschließend unter dem Druck, ideologische Erwartungen zu bedienen (Kontrollverlust). Beide Phänomene sind Symptome einer Kaperung der GWUP durch Agenda-Skeptizismus.

  1. Versuche der Kurskorrektur

Führende GWUP-Mitglieder, die sich den Werten des wissenschaftlichen Skeptizismus verpflichtet sahen, beobachteten die geschilderten Entwicklungen mit zunehmender Sorge. Man hatte bereits länger versucht gegenzusteuern, indem man kontroverse Debatten anstieß und auf die Bedrohung der GWUP-Mission durch linke Identitätsideologie hinwies. Diese Versuche wurden jedoch zumeist im Keim erstickt. Aufgrund der kulturellen Kaperung war es kaum noch möglich, kontroverse Themen auf GWUP-Kommunikationskanälen zu platzieren. Woke Mitglieder bekämpften eine zivile Sachdiskussion mit Methoden der Cancel Culture.

Um die GWUP wieder auf den Weg der Vernunft zu führen, entschied ich mich für einen anderen Weg. Gemeinsam mit dem YouTube-Creator Sinan Kurtulus, der das Format @SinansWoche betreibt, führte ich ein ausführliches Gespräch. Darin wurden die Critical Studies aus wissenschaftlich-skeptischer Sicht beleuchtet. Meine Wahl fiel bewusst auf Kurtulus. Er hatte sich bereits während der Corona-Pandemie den Ruf erworben, kontroverse Themen differenziert und sachlich zu besprechen, und war auch unter Gegenwind nie eingeknickt – anders als die Leitungsebene der GWUP in der Auseinandersetzung mit woken Neumitgliedern (Causa Vollbrecht) und externen Aktivisten (ABA-Debatte). Die Wahrscheinlichkeit, über diesen GWUP-externen Kanal eine Debatte zu initiieren, die nicht gecancelt wird, erschien hoch. Ein etwa einstündiges Gespräch mit dem Titel „Das Problem der Critical Studies“ (Kurtulus/Mukerji 2023) wurde am 27. Januar 2023 auf YouTube veröffentlicht. Zusätzlich sollte ein Talk-Format auf YouTube unter Beteiligung eines dritten Gesprächspartners – Matthias Narr alias @BiasedSkeptic – initiiert werden. Ziel war, politisch aufgeladene Sachdebatten respektvoll und unaufgeregt zu führen und zu illustrieren, wie man das Ethos der epistemischen Rationalität konsequent anwendet.

Die Veröffentlichung des Gesprächs zu den Critical Studies führte zur Eskalation des kulturellen Konflikts innerhalb der GWUP. Die woke Seite reagierte unmittelbar – doch nicht mit sachlicher Kritik, sondern mit dem Versuch der Delegitimierung. Mein Gesprächspartner Sinan Kurtulus und ich wurden umgehend mit dem Schlagwort „neurechts“ belegt. Zugleich erhob man den Vorwurf, wir „spielten den Falschen in die Hände“. Auch das Schreckgespenst eines „Rechtsrucks“ in der GWUP wurde an die Wand gemalt und von woken Mitgliedern verbreitet. Die Diskussion woker Dogmen und Tabus skandalisierten woke Mitglieder als „neurechte Talking Points“. Entscheidungsträger wurden mit Telefonterror überzogen. Der Betreiber des offiziellen GWUP-Twitter-Accounts geriet unter Druck, derartige Inhalte nicht mehr zu teilen. Zusätzlich wurde die Offenlegung seiner Identität gefordert.

Die der Ferngespräch-Community nahestehende damalige Vizevorsitzende der GWUP verlangte wenige Tage nach Erscheinen des Gesprächs zwischen Kurtulus und mir vom Vorsitzenden Amardeo Sarma, meinen bereits durch ein Programm-Komitee bewilligten Konferenzvortrag im Mai 2023 aus dem Programm zu streichen – obwohl der Vortrag ein gänzlich anderes Thema behandelte. Die woke Seite versuchte erkennbar, an uns ein Exempel zu statuieren. Das Motto lautete: „disziplinieren statt argumentieren“ (Kostner 2021). Es sollte klargestellt werden, dass Beiträge, die der woken Agenda und den Präferenzen der Ferngespräch-Community zuwiderlaufen, sofort aggressiv bekämpft werden, den Beteiligten ein erheblicher Reputationsverlust droht und ihnen das Recht abgesprochen würde, den Verein nach außen zu repräsentieren.

Als absehbar wurde, dass die Leitungsebene – noch überwiegend liberal besetzt – den Forderungen der woken Seite nicht nachgeben würde, eskalierte der Konflikt weiter. Die Vizevorsitzende vernetzte sich mit einer Gruppe woker Mitglieder, die einen Protestbrief aufsetzten. Gefordert wurde, Mitgliedern der GWUP, die nach außen auftreten, eine Assoziierung mit der GWUP zu untersagen und Beiträge vorab „abzustimmen“. Zudem verlangte man, mir die Kontrolle über das Talkformat „The Boys of Reason“ zu entziehen, das ich mit Kurtulus und Narr initiiert hatte. Themen und Köpfe des Formats sollten so verändert werden, dass die Sendung „so bunt und inklusiv wie möglich sein“ würde. Der Brief zielte nicht auf eine Debatte. Er schloss mit der Bemerkung: „Eine Erklärung, wie falsch wir in unseren Einschätzungen doch liegen, würde die Situation – und die Motivation für unser weiteres Engagement im Verein – allerdings ganz sicher nicht verbessern.“ Damit drohte man einen Kollektivaustritt an, falls den Forderungen nicht entsprochen würde.

Parallel versuchte man, den Wissenschaftsrat durch Nominierungen woker Bündnispartner zu infiltrieren – eine Vorgehensweise, die Parallelen zu der als „Entrismus“ (Bayerisches Landesamt für Verfassungsschutz o. J.) bezeichneten Strategie linksextremer Gruppierungen aufweist. Kandidaturen aus dem Ferngespräch-Umfeld sollten dort Mehrheiten verschieben, um das Gremium zu kapern, das die GWUP wissenschaftlich berät und ihre wissenschaftliche Integrität sicherstellt. Kritische Rückfragen zur charakterlichen und fachlichen Eignung wurden als Willkürherrschaft gebrandmarkt und skandalisiert. Nachdem Vorstand und Wissenschaftsrat eine Verschiebung der Wahlen befürworteten, war diese Kaperung zunächst blockiert. Der Schritt zeigte jedoch die strategische Zielrichtung: Die woke Seite zielte offenbar darauf, in denjenigen Gremien, die die wissenschaftliche Linie der GWUP bestimmen, eine zahlenmäßige Mehrheit zu gewinnen.

Um eine offene Konfrontation auf der zeitnah anstehenden Mitgliederversammlung zu verhindern, setzte der GWUP-Vorsitzende Amardeo Sarma eine Aussprache an. Eingeladen waren das gesamte Vorstandsteam, einige hauptamtliche Mitarbeiter sowie Holm Hümmler – ein langjähriges GWUP-Mitglied, von den Unterzeichnern des Protestbriefs als Vertreter benannt. In der Aussprache behandelte man alle Kritikpunkte aus dem Protestbrief. Zu jedem Punkt wurden Erklärung und Begründung erbeten. Die woke Seite – angeführt von Wortführer Hümmler – konnte ihre Kritik weder klar artikulieren noch begründen und begegnete Nachfragen mit alarmistischer Rhetorik sowie vagen Vermutungen, die GWUP stehe vor einem Rechtsruck und vulnerable Minderheiten liefen künftig Gefahr, ausgegrenzt zu werden. Zudem legten die Briefeschreiber ersichtlich Wert darauf, nicht mit woke-kritischen Äußerungen anderer Mitglieder assoziiert zu werden.

Die Sitzung endete mit zwei konkreten Ergebnissen. Erstens einigte man sich darauf, auf der Mitgliederversammlung ein Inklusionsstatement zu verabschieden, das den Schutz aller Mitglieder vor identitätsbezogenen Anfeindungen sicherstellt. Zweitens wurde beschlossen, dass GWUP-Mitglieder, die sich in der Öffentlichkeit äußern und ihre Mitgliedschaft offenlegen, zugleich darauf hinweisen mögen, nicht für den Verein oder andere Mitglieder zu sprechen. Ein einheitlicher Disclaimer sollte dies sicherstellen. Zusätzlich riefen Amardeo Sarma und der Vizevorsitzende Rouven Schäfer alle Beteiligten auf, die Diskussion zu beruhigen und von Verbalattacken abzusehen. Für die Mitgliederversammlung im Mai 2023 wurde schließlich ein eigener Tagesordnungspunkt mit dem Titel „Debatte zur Kritik an interner und externer Kommunikation“ festgelegt, um eine weitere kritische Aussprache zu ermöglichen.

  1. Die feindliche Übernahme des GWUP-Vorstands

Tatsächlich kehrte in den Wochen nach dem Treffen Ruhe ein. Das woke Lager vermittelte den Eindruck einer entschärften Lage und bekundete pragmatische Arbeitsbereitschaft. Vor der Mitgliederversammlung entstand so ein Klima scheinbarer Befriedung, ohne dass ein materieller Streitpunkt geklärt worden wäre. Ich sprach mich dafür aus, den über 2.000 Mitgliedern der GWUP, die mehrheitlich nichts vom Konflikt zwischen woker und liberaler Seite mitbekommen hatten, einen Mitgliederbrief zu senden, der über die internen Streitigkeiten und die Ergebnisse von Sarmas Vermittlungsversuch informiert. Insbesondere schlug ich vor, den Protestbrief an alle Mitglieder zu versenden und eine Antwort des GWUP-Vorsitzenden beizufügen. Damit hätte man klarstellen können, dass es Bestrebungen gibt, die GWUP von der klassisch-liberalen Linie des wissenschaftlichen Skeptizismus und dem Prinzip freier Debatte wegzuführen und bestimmte Themen, Formate, Positionen und Personen aus ideologischen Gründen auszuschließen. Zugleich hätten die Mitglieder erfahren, dass es sich – anders als in früheren Jahren – lohnen könnte, die anstehende Mitgliederversammlung zu besuchen.

Der Vorsitzende Amardeo Sarma hielt diese Strategie jedoch für zu konfrontativ. Er befürchtete, eine proaktive Offenlegung des Konflikts in der Vereinsöffentlichkeit könne zu einer Spaltung führen. Zudem vertraute er der Gegenpartei und sah kein Bedürfnis, ein erneutes Aufflammen des Konflikts zu riskieren. Hinzu kam ein weiterer Grund für den Befriedungsversuch: Sarma hatte beschlossen, sich nach 36 Jahren von der Vereinsspitze zurückzuziehen und nicht erneut zu kandidieren. Seinem Wunschnachfolger – dem bisherigen stellvertretenden Vorsitzenden Rouven Schäfer – und dessen neuem Vorstandsteam wollte er keinen heißen Konflikt übergeben.

Auf der Mitgliederversammlung im Mai 2023 erwies sich diese deeskalierende Linie – bei aller menschlichen Respektabilität – als Strategiefehler. Denn das friedliche öffentliche Auftreten der woken Seite stellte sich als kalkulierter Winkelzug heraus. Da Sarmas mehrheitlich liberale GWUP-Führung die woken Cancel-Forderungen als mit den Werten des wissenschaftlichen Skeptizismus unvereinbar zurückgewiesen hatte und lediglich Vereinbarungen traf, die auch aus liberaler Sicht Selbstverständlichkeiten waren (Inklusionsstatement, Disclaimer), änderte die woke Seite ihre Strategie. In den Wochen vor der Mitgliederversammlung plante man im Verborgenen eine feindliche Übernahme des Vorstands bei der anstehenden Wahl – in drei Schritten.

(1) Stille Vorfeldmobilisierung: Der Versammlungsort Frankfurt verschaffte dem woken Lager einen erheblichen Vorteil. Dort existierte eine lokale Gruppe unter Leitung von Holm Hümmler, in der großmehrheitlich woke Einstellungen vorherrschten. Auch die Kölner Gruppe, für die dies ebenfalls galt, hatte einen kurzen Anfahrtsweg. Das Team, das die feindliche Übernahme plante, konnte in beiden Gruppen gezielt für rege Teilnahme werben. Abgeschottete Kommunikationskanäle ermöglichten eine Mobilisierung, ohne die allgemeine Vereinsöffentlichkeit zu alarmieren. So trat auf der Mitgliederversammlung ein überproportional großer Block woker Unterstützer auf, der den realen Mitgliederanteil um ein Vielfaches überstieg. Erkennbar wurde dies erst vor Ort, als eine Gegenmobilisierung der liberalen Seite nicht mehr möglich war.

(2) Kaperung der Versammlung: Im Saal platzierten sich die Unterstützer der woken Seite im Sichtfeld des Sitzungsleiters. Sie meldeten sich in Aussprachen sofort in großer Zahl und belegten damit nahezu alle verfügbaren Redeplätze, da nach der Reihenfolge der Meldung aufgerufen wurde. Die vorbereiteten Wortbeiträge zielten nicht auf Sachklärung, sondern auf Verunsicherung und Delegitimierung. Der Vorsitzende Sarma und ich – als Vorsitzender des Wissenschaftsrats – wurden mit harten, haltlosen Anschuldigungen überzogen, ohne hinreichende Möglichkeit zur Antwort.

Parallel verteilte man während der Wortmeldungen vorbereitete Flugblätter. Verbalattacken – etwa Vorwürfe der Transphobie und der Verbreitung rechtsradikaler Narrative – wurden von den Anhängern der „Putschisten“ mit frenetischem Applaus quittiert. Angriffe kamen auch aus Sarmas eigenem Vorstandsteam. Nachdem er seinen letzten Bericht als Vorsitzender abgegeben und zum Abschied eine versöhnliche Botschaft formuliert hatte, distanzierten sich die stellvertretende Vorsitzende und ein Beisitzer in scharfen Worten von ihm und seinen Appellen an den Gemeinschaftssinn der GWUP. Beiden zufolge hatte er den Vorstand intransparent und manipulativ geführt. Diese ergänzenden Redebeiträge waren weder in der Tagesordnung vorgesehen noch im Vorfeld mit dem Restvorstand abgestimmt – und sie erfolgten kurz nachdem sich die Mitgliederversammlung zum Dank für Sarmas Verdienste und sein jahrzehntelanges Engagement zu einer spontanen stehenden Ovation erhoben hatte.

Bei der Aussprache zum Tagesordnungspunkt „Debatte zur Kritik an interner und externer Kommunikation“ wurde das Schreckgespenst eines Rechtsrucks in der GWUP an die Wand gemalt. Behauptet wurde, die Organisation könne durch eine Assoziation mit meinem YouTube-Format „The Boys of Reason“ in eine rechtsideologische Richtung kippen und „die falschen Mitglieder“ anziehen. Als Beleg diente die für YouTube typische boulevardeske Aufmachung der Videos. Mit anderen Worten: Die Inhaltskritik stützte sich lediglich auf Videotitel und Vorschaubilder.

(3) Wahlmanöver: Unbeteiligte Mitglieder, die erst auf der Versammlung vom organisationsinternen Konflikt erfuhren, gewannen durch den starken Überhang woker Wortmeldungen den Eindruck, die bisherige GWUP-Führung habe die politisch neutrale Orientierung der Organisation verändern wollen und arbeite hinter den Kulissen an einer Ausrichtung auf eine neurechte Agenda. Dadurch geriet das vom scheidenden Vorsitzenden Sarma vorgeschlagene Vorstandsteam erheblich in Misskredit. Die woke Seite nutzte die durch Fehlinformation und Debattenmanipulation erzeugte Unsicherheit geschickt aus.

Zunächst behaupteten dieselben Vorstandsmitglieder, die bereits nach Sarmas Bericht dessen Amtsführung scharf kritisiert hatten, der Listenvorschlag für den kommenden Vorstand sei nicht mit ihnen abgestimmt gewesen. Der Vorschlag war vor der Versammlung an alle Vereinsmitglieder verschickt worden. Damit erhärteten sie den Eindruck, Sarma habe den Vorstand manipulativ geführt. Anschließend beantragten sie, vom Vorschlag einer Gesamtlistenwahl abzuweichen und jedes Vorstandsamt einzeln zu wählen. Angesichts des straffen Zeitplans entfiel eine vertiefte Aussprache. Nach Beschluss dieses Vorgehens schritt man zur Wahl des Vorsitzenden. Sarmas Wunschkandidat Rouven Schäfer war bereits nominiert. Auf die Nachfrage des Sitzungsleiters nach weiteren Vorschlägen nominierte der Wissenschaftsjournalist Florian Aigner – für viele überraschend – den Physiker Holm Hümmler und pries ihn als Garant für Solidität und Konstanz, der zugleich „frischen Wind“ in die GWUP bringen könne.

Strategisch war die Nominierung aus Sicht des woken Lagers klug. Hümmler war langjähriges Mitglied und seine Beiträge wurden geschätzt. Aufgrund seiner politischen Vergangenheit in der hessischen CDU wirkte er nicht wie ein Vertreter radikaler woker Überzeugungen. Zudem war nicht bekannt, dass er sich als Ansprechpartner der Verfasser des Protestbriefs mit einer ideologischen, antiwissenschaftlichen Cancel-Agenda gemein gemacht hatte. In seiner vorbereiteten Bewerbungsrede versuchte er zudem, den Eindruck zu verstärken, er sei gemäßigt und wolle die Werte der GWUP bewahren. Dabei verkehrte er viele Tatsachen in ihr Gegenteil. Die GWUP, so seine Behauptung, werde durch fahrlässige Aktionen einzelner Mitglieder in den Kulturkampf gezogen. Er wolle seine „alte GWUP“ zurück und als Vorsitzender die Politisierung des Vereins beenden.

Hümmler konnte auf eigene Unterstützer zählen. Und zahlreiche Mitglieder, die erst auf der Versammlung über den vereinsinternen Streit informiert wurden, hatten aufgrund der Debattenmanipulation fast ausschließlich die woke Sicht zu hören bekommen. Sie vertrauten darauf, dass Hümmler Streitigkeiten schlichten und die GWUP wieder in ruhigere Fahrwasser führen würde. So erhielt er eine knappe Mehrheit und wurde zum Vorsitzenden gewählt, obwohl er für seine wirklichen Ansichten in der GWUP-Mitgliedschaft keinerlei Rückhalt hatte. Mit ihm zogen vier weitere bündnistreue Unterstützer in den Vorstand ein. Damit gelangte das Leitungsgremium der GWUP in die Hand einer woken Minderheit, die über ein Jahr hinweg daran arbeitete, den wissenschaftlichen Skeptizismus der GWUP in einen ideologisch geprägten woken Agenda-Skeptizismus zu transformieren.

  1. Analyse

In diesem Abschnitt analysiere ich die Transformation des wissenschaftlichen Skeptizismus der GWUP in einen woken Agenda-Skeptizismus und skizziere Gegenmaßnahmen, mit denen diese hätte verhindert werden können. Auch wenn sich die vier in den Abschnitten 4, 5, 6 und 7 behandelten Phasen zeitlich überlappen, ist eine analytische Trennung sinnvoll, um die Diskussion zu strukturieren. Daher behandle ich zuerst die kulturelle Kaperung, anschließend die Periode der Selbstzensur und des Kontrollverlusts und schließlich die gescheiterten Versuche einer Kurskorrektur sowie die feindliche Übernahme des Vorstands.

In Abschnitt 4 beschrieb ich die kulturelle Kaperung der GWUP, durch die eine liberale Debattenkultur in eine woke Opferkultur umschlug. Sie ereignete sich, obwohl woke Sichtweisen und Wertorientierungen in der Organisation sicher nie mehrheitsfähig waren. Dieses scheinbare Paradoxon lässt sich durch bekannte soziale Dynamiken erklären:

  1. Selektionseffekte: Ab Ende 2020 wurden fast nur noch Neumitglieder aus der woken Ferngespräch-Community gewonnen. Dies verschob zunächst die Mitgliederstruktur, dann die gelebten Normen und die Teilnahme auf den Vereinsplattformen. Aktivistische, woke geprägte Neuzugänge stellten etablierte Diskursregeln zunehmend in Frage, moralisierten Diskussionen, tabuisierten Themen und Standpunkte und stellten Safe-Space-Forderungen. Da die Vereinsführung dem nicht entschieden entgegentrat und keine freien Debatten garantierte, verließen vor allem liberal gesinnte Mitglieder die Diskussionsplattformen. Die dort geäußerten Meinungen kippten dadurch in kurzer Zeit in eine woke Richtung, die nicht mehr repräsentativ für die Mitgliedschaft war.

  2. Renormalisierung: Über die Zeit hinweg ergab sich eine drastische Verengung des Diskursraums – allerdings nicht in einem einzigen Schritt, sondern durch viele kleine Zugeständnisse an eine lautstarke Minderheit. Diese Zugeständnisse wurden als unstrittige Fragen basaler Höflichkeit getarnt: Man solle die Identität von Personen respektieren, präferierte Pronomen nutzen, bestimmte Themen aussparen, von denen sich Menschen getriggert fühlen könnten und „mit Betroffenen sprechen“ statt nur über sie. Auch wenn sich der Prozess der schrittweisen, in Stufen ablaufenden Veränderung, den Nassim Taleb als „Renormalisierung“ (Taleb 2018) bezeichnet, in jedem Zeitpunkt nur schwer bemerken ließ, erlitt die Debattenkultur der GWUP in kurzer Zeit einen erheblichen Schaden. Empörung ersetzte Begründung. Stilkritik verdrängte Sachkritik. Und an die Stelle argumentativer Auseinandersetzungen traten Angriffe auf Personen.

  3. Schweigespiralen: Die woke Minderheit erzeugte durch ihr lautes Auftreten den – leider zutreffenden – Eindruck, dass Meinungen, die nicht der woken Orthodoxie entsprachen, sanktioniert würden. Durch diese Sanktionsandrohungen zogen sich Andersdenkende aus dem Diskurs zurück, Gegenpositionen wurden seltener geäußert. Dies wiederum verstärkte den Anschein eines Konsenses über woke Positionen, bei denen es sich de facto um Außenseitermeinungen handelte. So setzten sich bei immer mehr Themen „Schweigespiralen“ (Noelle-Neumann 1989; Ackermann 2022) in Gang.

  4. Knowledge Falsification: Vermutlich passten auch einige Mitglieder, die der woken Einheitsmeinung kritisch gegenüberstanden, ihre Äußerungen an den gefühlten Konsens über das Sagbare an. Dies kann den Effekt haben, dass die nicht geäußerten Positionen tatsächlich weniger gedacht und damit weniger geglaubt werden. Der Politikwissenschaftler und Ökonom Timur Kuran spricht in diesem Zusammenhang von „knowledge falsification“ (Kuran 1997).

Die kulturelle Kaperung der GWUP hätte man verhindern können, indem man den oben genannten Entwicklungen entgegengewirkt hätte. Um adverse Selektionseffekte zu vermeiden, hätte die GWUP-Führung frühzeitig geeignete Maßnahmen ergreifen müssen. Am wichtigsten wäre eine klare, wertbasierte Kommunikation gewesen. Der Anmeldeprozess hätte so gestaltet werden müssen, dass sich potenzielle Neumitglieder, die sich nicht mit den liberalen Werten des wissenschaftlichen Skeptizismus identifizieren, abgestoßen fühlen. Eine transparente und möglichst konkrete Erklärung skeptischer Grundsätze, verbunden mit dem Hinweis, dass man diese durch seinen Antrag auf Mitgliedschaft akzeptiert, hätte vermutlich geholfen, den massenhaften Zustrom woker Neumitglieder zu bremsen. Parallel hätte man den Kontakt zu liberalen Mitgliedern suchen müssen, die sich aufgrund der Verrohung der Diskurskultur abwandten. Diesen hätte man zusichern müssen, dass in der GWUP weiterhin liberale Diskursnormen gelten und sich dies auch nicht ändern wird. Bei Vereinsaustritten hätte man die Gründe systematisch erheben und um Rückkehr werben müssen, um die Abwanderung liberal gesinnter Mitglieder zu verhindern.

Dem Prozess der Renormalisierung hätte man entgegenwirken können, indem man die bis dato lediglich implizit geteilten Diskursnormen verschriftlicht und konsequent durchsetzt. Auch Forderungen nach „kleinen Zugeständnissen“ an identitätsideologische Vorstellungen – etwa der verbindlichen Nutzung von Pronomen und der Vermeidung von Trigger-Worten – hätte man freundlich, aber nachdrücklich eine Absage erteilen müssen.

Um Schweigespiralen zu durchbrechen, hätte man Einschüchterungen konsequent ahnden müssen. Auf den GWUP-Plattformen wäre durch die Moderation eine Null-Toleranz-Praxis gegenüber verbalen Angriffen umzusetzen gewesen. Darüber hinaus wäre es sinnvoll gewesen, Formate bzw. Foren zu schaffen, in denen auch Minderheitspositionen explizit eingeladen und geschützt worden wären. Dem Phänomen der „knowledge falsification“ hätte man mit regelmäßig erhobenen, anonymen Stimmungsbildern und Abstimmungen begegnen können. Dies hätte gemeinsames Wissen darüber erzeugt, dass woke Wertvorstellungen und Forderungen nicht mehrheitsfähig sind. Auf dieser Grundlage hätten vermutlich deutlich mehr Mitglieder solchen Forderungen widersprochen.

Wie in Abschnitt 5 erläutert, beeinträchtigte die kulturelle Kaperung die Fähigkeit der GWUP und ihrer aktiven Mitglieder, in der Öffentlichkeit als rationale Debattenteilnehmer aufzutreten. In der Causa Vollbrecht kam es zu einer erheblichen Selbstzensur. Unter anderem wurde ein Papier des Wissenschaftsrats zum biologischen Geschlecht nicht veröffentlicht, weil man Shitstorms befürchtete („criticism capture“) und ein Aufbegehren woker Neumitglieder („audience capture“) fürchtete. Da man es versäumt hatte, der kulturellen Kaperung konsequent entgegenzuwirken, war es zu diesem Zeitpunkt bereits äußerst schwierig, sich diesen Dynamiken zu entziehen. Gleichwohl hätte die mehrheitlich liberal gesinnte Leitungsebene der GWUP an dieser Stelle einen Bruch mit Aktivisten und Neumitgliedern riskieren müssen, um der Tendenz zur Selbstzensur entgegenzuwirken. Ebenso hätte man der Kaperung der thematischen Agenda der GWUP – besonders im Fall der ABA-Therapie – eine klare Absage erteilen müssen. Schließlich war von Anfang an erkennbar, dass Aktivisten versuchen würden, der GWUP in dieser Frage ihre Sichtweise zu oktroyieren. Und da das Thema ABA außerhalb aktivistischer Blasen nur auf geringes Interesse stieß, konnte man durch eine Befassung mit ABA eigentlich nur verlieren. Der Wissenschaftskabarettist Vince Ebert – selbst GWUP-Fellow – bringt die anzuratende Gegenstrategie äußerst kompakt auf den Punkt: „Legen Sie sich eine Shitstorm-Resilienz zu und bleiben Sie Ihren Prinzipien treu.“ (Ebert 2025: 286)

Die Causa Vollbrecht und die entgleiste ABA-Debatte verdeutlichten, dass woke Mitglieder – insbesondere viele Neumitglieder aus der Ferngespräch-Community seit Beginn der Corona-Pandemie – einen Umbau des wissenschaftlichen Skeptizismus entlang einer woken Agenda anstrebten. Skeptisches Hinterfragen sollte demnach nur dort stattfinden, wo keine Irritationen in der eigenen Gruppe drohten. Praktisch hieß das: harte, wissenschaftliche Kritik an Pseudowissenschaften wie Homöopathie und an esoterischen Auswüchsen wie der Astrologie. Gleichzeitig aber: Zurückhaltung in Themenfeldern, in denen woke Ideologie dominiert. Dort sollte man Solidarität üben, „Privilegien checken“, ein guter Ally sein und vor allem woke Dogmen und Slogans unkritisch wiederholen (etwa: „Transfrauen sind Frauen“).

Ein Teil der Mitgliedschaft interpretierte daher die Causa Vollbrecht und die ABA-Debatte als Vorboten einer akuten Krise und versuchte, wie in Abschnitt 6 dargestellt, eine Kurskorrektur zu erreichen. Der Ansatz bestand darin, bewusst jene Themen auf die Agenda zu setzen, die woke Mitglieder tabuisieren wollten. Dieser Kurs hätte Erfolg haben können, wenn mehr – und nach Möglichkeit hochrangige – Mitglieder ihn energisch mitgetragen hätten. Vorschriften darüber, was jemand zu denken habe, wären dafür nicht erforderlich gewesen. Es hätte genügt, deutlich zu signalisieren, dass jeder in der GWUP diskutieren und vertreten kann, was er will – und dass die Leitungsebene entsprechende Beiträge in dem Maße auf die Vereinsplattformen hievt, wie diese auf Interesse stoßen.

Die feindliche Übernahme des Vorstands, deren Ablauf ich in Abschnitt 7 skizziert habe, zeichnete sich spätestens ab dem Eingang des Protestbriefs ab. Es war absehbar, dass das woke Lager in der GWUP Taten folgen lassen würde. In dieser Lage blieben nur schlechte Optionen. Hätte man den Protestbrief – wie von mir vorgeschlagen – an alle Vereinsmitglieder versendet und eine Diskussion angestoßen, wäre der Konflikt eskaliert. Eine harte, unschöne Auseinandersetzung hätte öffentlich Aufmerksamkeit erzeugt und das Image des Vereins belastet. Rückblickend wäre dies dennoch die bessere der zwei schlechten Alternativen gewesen. Auf diese Weise hätten erheblich mehr GWUP-Mitglieder die Mitgliederversammlung besucht. Die Zusammensetzung wäre repräsentativer gewesen, und die Anwesenden wären besser informiert gewesen – insbesondere über die Rolle von Holm Hümmler und sein wissenschaftsfeindliches Drängen auf eine Cancel-Agenda.

Ergänzend hätte man eine mögliche Kaperung der Versammlung im Vorfeld durchdenken müssen. Da Redebeiträge nach chronologischer Reihenfolge vergeben wurden, konnte das woke Lager durch frühe Meldungen nahezu die gesamte Redezeit beanspruchen. Dem wäre mit minimalen Verfahrensanpassungen entgegenzuwirken gewesen. Beispielsweise hätte man zunächst eine festgelegte Anzahl an Wortmeldungen erfassen und diese anschließend in einer Zufallsreihenfolge aufrufen können. Da viele Beiträge de facto Verbalattacken auf anwesende Mitglieder darstellten, hätte man diese unmittelbar rügen und den Betroffenen ausdrücklich die Möglichkeit einer kurzen Stellungnahme einräumen müssen. Dies hätte toxisches Diskursverhalten disinzentiviert, die unterschiedlichen Sichtweisen sichtbar gemacht und die Diskurshegemonie des woken Lagers spürbar reduziert.

Auch gegen taktische Manöver und Überraschungskandidaturen bei der Vorstandswahl hätte man sich absichern können. Das Grundproblem lag in der Satzung: Sie schließt Kampfkandidaturen auf der Mitgliederversammlung nicht aus. Eine wirksame Absicherung hätte Vorlauf für eine Satzungsänderung erfordert. Kurzfristig wäre jedoch mindestens ein proaktiver Hinweis seitens der Vereinsführung möglich gewesen, dass bei der Mitgliederversammlung mit Kampfkandidaturen zu rechnen ist. Dieses Szenario wurde unter führenden Mitgliedern der GWUP im Vorfeld intensiv diskutiert – jedoch ohne entsprechende Maßnahmen auch umzusetzen. Hier fehlte es schlicht an Entschlossenheit.

Zudem hätte Sarma, der als Vorsitzender gemeinsam mit dem gesamten Vorstand einen Vorschlag für das künftige Vorstandsteam und einen Wahlmodus abgestimmt hatte, eine gemeinsame E-Mail verfassen können – unterzeichnet von allen Vorstandsmitgliedern –, in der die Planung für die kommende Wahlperiode geschlossen vorgestellt worden wäre. Ein solcher Schritt hätte die beiden Vorstandsmitglieder, die auf der Mitgliederversammlung Sarma der Manipulation bezichtigten und behaupteten, Wahlliste und Wahlmodus seien mit ihnen nicht abgestimmt gewesen, äußerst unglaubwürdig erscheinen lassen.

  1. Relevanz für die Wissenschaftsfreiheit

Man könnte argumentieren, der in den vorangegangenen Abschnitten geschilderte Fall der GWUP betreffe lediglich einen privaten Verein und tangiere die Wissenschaftsfreiheit als solche nicht.4 Deswegen möchte ich abschließend die Relevanz der Diskussion für die Debatte um die Wissenschaftsfreiheit herausarbeiten. Dazu nenne ich fünf Argumente, die meines Erachtens zeigen, dass man sich für den Fall der GWUP interessieren sollte, wenn einem die Wissenschaftsfreiheit am Herzen liegt.

Argument 1: Die GWUP ist Teil des Wissenschaftssystems.

Wissenschaftsfreiheit ist institutionell nicht auf Universitäten beschränkt. Maßgeblich ist, ob eine Einrichtung in den „sozialen Prozeß gegenseitiger Qualitätssicherung“ (Kelter 2025: 12) eingebunden ist, der das Wesen der wissenschaftlichen Wahrheitssuche ausmacht. In diesem funktionalen Sinn ist die GWUP Teil des Wissenschaftssystems. Sie vereint wissenschaftlich qualifizierte Mitglieder, führt eigene Untersuchungen durch, arbeitet mit externen Fachleuten, publiziert eigene Veröffentlichungen und bindet sich ausdrücklich an das Ethos der epistemischen Rationalität und ein liberales Erkenntnismodell, das diesem Ethos Geltung verleiht. Einschränkungen ihrer Tätigkeit berühren damit mittelbar dieselben Schutzgüter, um derentwillen die Wissenschaftsfreiheit besteht.

Argument 2: Die GWUP ist mit anderen Elementen des Wissenschaftssystems verflochten.

Auch wenn man bestreiten würde, dass die GWUP selbst Teil des Wissenschaftssystems ist, müsste man einräumen, dass sie mit diesem System eng verflochten ist. Die aktive GWUP-Mitgliedschaft überschneidet sich erheblich mit Angehörigen von Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und anderen wissensproduzierenden Institutionen. Viele Mitglieder könnten ihre skeptische Arbeit auch innerhalb dieser Organisationen leisten, entscheiden sich aber bewusst dafür, die Ressourcen und Plattformen der GWUP zu diesem Zweck zu nutzen. Ausschlaggebend ist der hohe Spezialisierungsgrad des Vereins. Es geht um die Lösung konkreter wissenschaftsphilosophischer Abgrenzungsprobleme, also die Feststellung, ob es sich in bestimmten Fällen um genuine Wissenschaft oder Agenda- bzw. Pseudowissenschaft handelt. Über die für diese Spezialisierung notwendigen Kompetenzen verfügen Fakultäts- und Institutsstrukturen üblicherweise nicht. Gleiches gilt für die ausgeprägte Expertise der GWUP in der Wissenschaftskommunikation, die sich sowohl an ein Laienpublikum als auch an Fachöffentlichkeiten richtet. Wissenschaftler nutzen die Möglichkeiten, die ihnen die GWUP bietet, weil sie ihnen erlaubt, ihr wissenschaftliches Tätigkeitsprofil sinnvoll zu ergänzen.

Argument 3: Die GWUP erbringt einen Beitrag zu einem wohlverstandenen Schutz der Wissenschaftsfreiheit.

Wissenschaftsfreiheit schützt das ergebnisoffene Streben nach Wahrheit um ihrer selbst willen. Daraus folgt, dass sie genau dort greifen soll, wo man dem Ethos epistemischer Rationalität folgt, und nicht nur vorgibt, dies zu tun (Wissenschafts-Mimikry), um Pseudowissenschaft gegen Kritik zu immunisieren (Kelter 2025). Die Unterscheidung zwischen echter Wissenschaft und ihren Nachahmerprodukten zu treffen, ist ihrerseits eine anspruchsvolle epistemische Aufgabe. Wissenschaftliche Fach-Communities können entsprechende Urteile im eigenen Bereich selbst fällen. Doch aufgrund des hohen Spezialisierungsgrades in den Wissenschaften kann bereits eine Beurteilung angrenzender Felder schwerfallen. Hier kann die GWUP als interdisziplinärer Hub einen Beitrag leisten, indem sie Erkenntnisunternehmungen anhand überprüft und so hilft, den legitimen Schutzbereich der Wissenschaftsfreiheit zu konturieren. Sie adressiert das sozialepistemologische Abgrenzungsproblem damit nicht nur im Verhältnis von wissenschaftlichen Experten zu Laien, sondern auch innerhalb der wissenschaftlichen Community. Diese Rolle setzt jedoch voraus, dass die GWUP selbst konsistent skeptisch verfährt und sich ihr Skeptizismus nicht in einen Agenda-Skeptizismus verwandelt, der bestimmte Erkenntnisunternehmungen aufgrund ideologischer Kriterien vor Kritik abschirmt. Daran sollte die wissenschaftliche Community ein Interesse haben und den Fall der GWUP daher als relevant erachten.

Argument 4: Die Mechanismen der ideologischen Kaperung der GWUP sind auf andere Elemente des Wissenschaftssystems übertragbar.

Die in der GWUP sichtbar gewordenen Mechanismen – wie etwa selektive Rekrutierung, Moralisierung von Sachfragen, Renormalisierung von Diskursstandards, Schweigespiralen, „criticism capture“ und „audience capture“ – sind keine spezifischen Phänomene, die nur in einem Verein auftreten können. Akteure mit einer nicht-wissenschaftlichen Agenda können sie auch in anderen Kontexten nutzen, um unliebsame Forschungen oder Debatten zu steuern oder zu unterbinden. Das zeigt sich exemplarisch durch Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit an Hochschulen, die durch das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit dokumentiert werden.5

Hinzu kommen viele weitere Fälle. Erst kürzlich wurde bekannt, dass die Sheffield Hallam University zeitweise die Arbeit der auf Menschenrechte spezialisierten Professorin Laura Murphy zur Zwangsarbeit der Uiguren suspendiert hatte (Röhnsch 2025). Die Universität verwies zwar auf versicherungsrechtliche Risiken. Doch es wirkt, als habe der Druck seitens chinesischer Behörden eine wesentliche Rolle beim Eingriff in Murphys Arbeit gespielt. Sofern zutreffend, zeigt der Fall, dass Entscheidungen im Wissenschaftssystem aufgrund von Abhängigkeitsstrukturen durch externe Akteure mit einer nicht-wissenschaftlichen Agenda beeinflusst werden können – genau wie im Fall der GWUP.6

Es gibt auch Überschneidungen zwischen dem Wirkungsbereich der GWUP und dem Hochschulsystem, wie der Fall des GWUP-Mitglieds Till R. Amelung zeigt (Amelung 2025). Amelung ist Transmann und Experte im Bereich Geschlechterforschung. In dieser Kapazität wurde er im Oktober 2025 an die Leuphana Universität eingeladen, um einen Vortrag zu halten. Da er nicht die präferierten Sichtweisen von Trans-Aktivisten teilt, versuchten organisierte Gruppen im Vorfeld, durch gezielte Kampagnen, Mobilisierung von Protest, moralische Etikettierung und Störungen während der Veranstaltung die Durchführung und Rezeption von Amelungs Vortrag zu beeinträchtigen. Die Hochschule hielt stand, musste sich aber sichtbar gegen Versuche wehren, den Debattenraum zu verengen.

Solche Fälle zeigen, dass die Dynamiken und Methoden der Cancel Culture, die sich im GWUP-Fall manifestiert haben, kein Spezifikum von Vereinen darstellen, sondern sich auch außerhalb der GWUP manifestieren können. Dieselben Mechanismen, die eine skeptische Organisation verwundbar machen, können die Wissenschaftsfreiheit auch in Kerninstitutionen des Wissenschaftssystems beeinträchtigen.

Argument 5: Der Fall der GWUP liefert neue, strategische Einsichten für die Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit.

Bemerkenswerterweise gelang es im Fall der GWUP, eine bereits weit fortgeschrittene Verschiebung hin zu einem woken Agenda-Skeptizismus wieder zurückzudrängen (Büttner 2024). Möglich war dies, weil die woke Agenda die Organisation nie mehrheitlich ergriffen hatte: Eine breite, wenn auch zeitweise stille Mehrheit von Mitgliedern blieb dem Ethos epistemischer Rationalität immer verpflichtet. Gleiches galt für das wissenschaftliche Kontrollgremium der Organisation: den Wissenschaftsrat. Hinzu kam, dass Vorstandsmitglieder, die dem klassischen Skeptizismus treu waren, eine Strategie verfolgten, die nicht nur darin bestand, offenkundige Missstände zu benennen. Man verfolgte zusätzlich das Ziel, weniger sichtbare Missstände zum Vorschein zu bringen. Das war entscheidend, weil woke Aktivisten typischerweise verdeckt und reputationssensibel operieren. Es gehört zum woken „Playbook“, Druck in halböffentlichen Räumen zu erzeugen und eine offene Konfrontation zu vermeiden, die sich gut dokumentieren ließe (Pincourt/Lindsay 2021).

Ein Schlüsselereignis, das es ermöglichte, die Ideologisierung des GWUP-Vorstands sichtbar zu machen, war ein Vortrag des Münchner Philosophen Andreas Edmüller zum „Woke-Phänomen“ im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaften in Nürnberg (Edmüller 2023). Organisiert wurde diese Veranstaltung in Kooperation mit der GWUP-Regionalgruppe Mittelfranken und dem Institut Kortizes. Dass die Regionalgruppe diesen Vortrag angesetzt hatte, verstand der mehrheitlich woke Vorstand als Affront. Das war erwartbar. Entscheidend war jedoch, dass Edmüller einen Debattenbeitrag lieferte, der dem Ethos der epistemischen Rationalität konsequent treu blieb und klarstellte, lediglich eine Perspektive auf das Woke-Phänomen zu liefern, um die Meinungsbildung der Zuhörer mit Argumenten zu unterfüttern. Obwohl dieses Anliegen aus skeptischer Sicht in keiner Weise zu beanstanden war, sah sich Edmüller nach seinem Vortrag mit einer Kritik durch den damaligen GWUP-Vorsitzenden Holm Hümmler und seinen Unterstützern konfrontiert, die vielen Mitgliedern als äußerst unsachlich erschien. Die Ereignisse wurden von Edmüller detailliert dokumentiert und in mehreren Blog-Beiträgen veröffentlicht.7

Edmüller gab nicht klein bei, sondern wandte sich mit konkreten Fragen an den Vorsitzenden und den Wissenschaftsrat der GWUP. Letzterer reagierte mit einer klaren Stellungnahme, die Edmüller stützte und Hümmlers Vorwürfe gegen ihn in aller Deutlichkeit zurückwies. Drei Vorstandsmitglieder – André Sebastiani, Rouven Schäfer und ich – veröffentlichten zudem eine Entschuldigung, in der sie das Vorgehen gegen Edmüller als mit den Werten der GWUP unvereinbar bezeichneten (Sebastiani 2024). All dies schlug im Verein hohe Wellen und verdeutlichte, dass Hümmler und die ihn stützende Mehrheit im Vorstand der GWUP sich nicht im Einklang mit den Normen des wissenschaftlichen Skeptizismus und besonders dem Grundsatz der Wissenschaftsfreiheit verhielten.

Die dokumentierten Ereignisse konnte man als Feldexperiment interpretieren, das eine Forschungsfrage klären sollte: nämlich, ob die GWUP noch in der Lage war, Kritik an Wokeness auf der argumentativen Ebene zu verhandeln oder ob die mehrheitlich woke Leitungsebene bei Gegenwind zu Moralisierung und Diffamierung greifen würde. Für die gesamte Mitgliedschaft wurde somit sichtbar, dass eindeutig letzteres der Fall war. So wurde eine klare Evidenzlage geschaffen, auf dessen Grundlage die Mitglieder bei der vorgezogenen Vorstandswahl im Mai 2024 eine Entscheidung über die künftige Ausrichtung des Vereins treffen konnten.

Für die Arbeit von Organisationen wie dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit erscheint dieser Fall äußerst instruktiv. Er legt nahe, dass die reine Dokumentation von Fällen, in denen die Wissenschaftsfreiheit verletzt wird, nicht die beste Strategie darstellt, sondern man – inspiriert durch die in der GWUP angewandte Strategie des Feldexperiments – auch versuchen sollte, verborgene Missstände offenzulegen. Mit anderen Worten: Freiwillige, denen die Wissenschaftsfreiheit ein Anliegen ist, sollten an besonders gefährdeten Orten Veranstaltungen durchführen, die einerseits einen klaren wissenschaftlichen Erkenntniswert versprechen und somit durch die Wissenschaftsfreiheit geschützt sind und die andererseits mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Widerstand stoßen. Eine ausführliche Darstellung der entsprechenden Strategien befindet sich derzeit in Vorbereitung (Mukerji et al. in Vorbereitung).

  1. Zusammenfassung

In diesem Aufsatz schilderte ich, wie der wissenschaftliche Skeptizismus der GWUP zwischen 2020 und 2023 in einen woken Agenda-Skeptizismus abgleiten konnte und welche Maßnahmen eine solche Entwicklung hätten verhindern können. Zunächst erläuterte ich die Gründungsmission der GWUP, die in einer konsequenten Orientierung am Ethos der epistemischen Rationalität und am liberalen Erkenntnismodell lag, das Realismus, Fallibilismus und kritische Prüfung im offenen Diskurs verlangt (Abschnitt 1).

Anschließend behandelte ich das wissenschaftsphilosophische Abgrenzungsproblem in einer ontologischen und in einer epistemologischen Lesart und benannte eine sozialepistemologische Variante. Diese besteht darin, dass Laien eine Pseudowissenschaft nicht direkt erkennen können, weil dies fortgeschrittene Fähigkeiten im kritischen Denken sowie Zeit, Aufmerksamkeit und Informationen voraussetzt. Die Lösung liegt in einer kognitiven Arbeitsteilung durch den wissenschaftlichen Skeptizismus. Skeptiker, die sich in Organisationen wie der GWUP zusammenschließen, bewerten Erkenntnisunternehmungen und teilen ihre Einschätzungen mit Laien. Der Wissenstransfer gelingt nur, wenn eine skeptische Organisation tatsächlich über Wissen verfügt, es wahrhaftig vermittelt und Vertrauen genießt (Abschnitt 2).

Darauf aufbauend analysierte ich eine neue Erscheinungsform der Pseudowissenschaft, die ich Pseudowissenschaft 2.0 nenne. Ihre Anhänger verhalten sich pseudoskeptisch, ahmen also genuinen Skeptizismus nach, indem sie ihn selektiv auf etablierte Arbeitsfelder anwenden (etwa: Homöopathie, Astrologie). So infiltrieren sie unentdeckt skeptische Organisationen und unterbinden mit Methoden der Cancel Culture die kritische Überprüfung der betroffenen Pseudowissenschaft. Analog zum Begriff der Agendawissenschaft habe ich für dieses Phänomen den Ausdruck „Agenda-Skeptizismus“ vorgeschlagen. Bei der Agendawissenschaft verbindet sich Wissenschafts-Mimikry mit einer ideologischen Agenda. Beim Agenda-Skeptizismus wird eine solche Agenda mit Skeptizismus-Mimikry verknüpft (Abschnitt 3).

Anschließend zeigte ich am Fall der GWUP, wie sich Agenda-Skeptizismus in einem praktischen Fall entfaltet. Zunächst wurde die Organisation kulturell gekapert. Ein rascher Mitgliederboom aus einer woken Community verwandelte die liberale Streitkultur in eine woke Opferkultur. Sachdebatten wurden moralisiert, und an die Stelle von Argumenten traten Verbalattacken (Abschnitt 4). Dies schwächte die Fähigkeit der GWUP, in der Öffentlichkeit als rationaler Debattenteilnehmer aufzutreten. In der Causa Marie-Luise Vollbrecht und in der ABA-Debatte traten Selbstzensur durch „audience capture“ und ein Verlust der thematischen Kontrolle durch „criticism capture“ deutlich hervor (Abschnitt 5). Versuche einer Kurskorrektur durch externe Formate und eine Rückbindung an epistemische Rationalität führten zu Delegitimierungsversuchen, zu einem Protestbrief und zu Bestrebungen, das wissenschaftliche Kontrollgremium der GWUP mit woken Mitgliedern zu besetzen (Abschnitt 6). Auf der Mitgliederversammlung 2023 kam es infolge stiller Mobilisierung, versammlungstaktischer Manöver und einer Überraschungskandidatur zu einer feindlichen Übernahme des Vorstands durch eine woke Minderheit (Abschnitt 7).

Im Analyseteil (Abschnitt 8) habe ich die Mechanismen herausgearbeitet, die diese Entwicklung ermöglichten, und Maßnahmen skizziert, mit denen sie hätte verhindert werden können. Die kulturelle Kaperung beruhte auf Selektionseffekten, auf schrittweiser Renormalisierung, auf Schweigespiralen und auf „knowledge falsification“. Wirksame Gegenmaßnahmen wären möglich gewesen. Dazu hätte ein klares Wertestatement bei der Aufnahme von Neumitgliedern gehört, verbindliche Onboarding-Prozesse, explizit formulierte und konsequent durchgesetzte Diskursregeln sowie das Ahnden von Einschüchterungsversuchen. Diskussionsformate mit explizitem Schutz von Minderheitspositionen und regelmäßig erhobene anonyme Stimmungsbilder wären zusätzlich nützlich gewesen. Prozedurale Vorkehrungen für die Mitgliederversammlung und eine frühzeitige, offene Konfliktkommunikation hätten die asymmetrische Mobilisierung und die Kaperung der Versammlung erschwert, die ultimativ zur ideologischen Übernahme des Vorstands führte.

Abschließend fragte ich, inwieweit der Fall der GWUP für die Debatte um Wissenschaftsfreiheit relevant ist (Abschnitt 9). Ich argumentierte, dass die GWUP Teil des Wissenschaftssystems ist und ihre Aktivitäten mit denen anderer Elemente des Systems verflochten sind. Zudem erbringt die GWUP durch die Bearbeitung des sozialepistemologischen Abgrenzungsproblems einen Service, der nicht nur Laien nützt, sondern auch im Interesse der wissenschaftlichen Community liegt. Weiterhin kann man die Ereignisse in der GWUP als Modellfall ansehen, der die Mechanismen verdeutlicht, mit denen die Wissenschaftsfreiheit auch andernorts attackiert werden kann. Die hier beobachtete kulturelle Kaperung, Moralisierung, Selbstzensur, asymmetrische Mobilisierung und die Strategien der informellen Druckausübung können auch an Hochschulen und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen eingesetzt werden.

Zuletzt argumentierte ich, dass der Fall der GWUP neue strategische Einsichten für die Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit bereithält. Die GWUP ist die erste größere Organisation, der es gelang, eine bereits erfolgte ideologische Kaperung rückgängig zu machen. Dies ist möglich, wenn man strategisch klug verfährt. Eine ausführliche Rekonstruktion der angewandten Strategien wird zeitnah erscheinen (Mukerji et al. in Vorbereitung). Mit diesem Beitrag verbindet sich die Hoffnung, dass sich auch andere Organisationen – allem voran das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit – inspirieren lassen, neue Wege zu gehen, um die Wissenschaftsfreiheit im deutschsprachigen Raum zu verteidigen.

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Rauch, Jonathan (2021): The Constitution of Knowledge. A Defense of Truth, Erscheinungsort nicht ermittelbar: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG.

Röhnsch, Helene (2025): Wie China Unis zur Aufgabe ihrer Uiguren-Forschung drängt, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wie-china-eine-britische-uni-zur-aufgabe-ihrer-uiguren-forschung-brachte-accg-110770413.html (Stand: 09.11.2025).

Sarma, Amardeo (2017): „Was mich zum Skeptiker machte“, Skeptiker – Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken, Nr. 3, S. 136–139.

Sarma, Amardeo (2018): „Nachruf Prof. Dr. med. Irmgard Oepen (1929 – 2018), Gründungspräsidentin der GWUP“, in: Skeptiker – Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken, Nr. 3, S. 134.

Schedel, Gunnar (2023): „Putsch in der GWUP – ein fataler Richtungswechsel steht bevor“, in: Humanistischer Pressedienst.

Sebastiani, André (2023): Kritisierst Du noch, oder cancelst Du schon? Warum wissenschaftlicher Skeptizismus freien Diskurs braucht, https://www.gwup.org/skeptische-gesellschaft/kritisierst-du-noch-oder-cancelst-du-schon/ (Stand: 09.11.2025).

Sebastiani, André (2024): Eine öffentliche Entschuldigung an Andreas Edmüller, https://www.gwup.org/skeptische-gesellschaft/eine-oeffentliche-entschuldigung-an-andreas-edmueller/ (Stand: 09.11.2025).

Taleb, Nassim Nicholas (2018): Skin in the game. Hidden asymmetries in daily life, London: Allen Lane.

Vollmer, Gerhard (1994): „Wozu Pseudowissenschaften gut sind: Argumente aus Wissenschaftstheorie und Wissenschaftspraxis“, in: Skeptiker – Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken, Nr. 4, S. 94–101.

Wildmics (2021): Meinungsfreiheit – Das wird man wohl noch streamen dürfen!!! Ferngespräch #58.

Wolf, Rainer / Gimmler, Hartmut / Wolf, Johannes / Rosenzweig, Rainer (1998): „Im Doppelblind-Test „strahlten“ die Pflanzen nicht: Ein Wünschelruten-Experiment im Botanischen Institut der Universität Würzburg“, in: Skeptiker – Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken, 11, Nr. 4, S. 143–147.

Wolf, Rainer / Sarma, Amardeo (2005): „Die Würzburger PSI-Tests 2004“, Nr. 2, S. 48–58.

1 In der Logik der Forschung (1934/2005) bezeichnet Popper unfalsifizierbare Aussagen, zunächst als „metaphysisch“. In der später erschienen englischen Routledge-Ausgabe Popper (1959/2005) findet sich jedoch der Indexeintrag „Demarcation between science and pseudoscience, as well as between science and metaphysics“, was darauf schließen lässt, dass Poppers Abgrenzungskriterium auch auf die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft bezogen werden kann. In Kapitel 1 von Conjectures and Refutations (1963/2002) sagt Popper dann explizit, seit 1919 habe sein Interesse kernpunktmäßig der Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft gegolten.

2 Den Begriff der Skeptizismus-Mimikry verdanke ich André Sebastiani.

3 Diese Begriffe verdanke ich Manfred Körkel und Udo Endruscheit.

4 Für diesen Einwand danke ich einem anonymen Gutachter für das Jahrbuch Wissenschaftsfreiheit.

5 Die Falldokumentation des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit findet sich unter: https://www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de/dokumentation (abgerufen am 09.11.2025).

6 Im deutschen Sprachraum sind ähnliche Fälle dokumentiert (Fulda/Missal 2022).

7 Die Blogposts finden sich unter: https://blog.projekt-philosophie.de (abgerufen am 09.11.2025).